Aichach    

Maßgeschneiderte Mobilität

Aichach - Als der Flexibus 2009 in Krumbach aus der Taufe gehoben wurde, hatte die 14 000-Einwohner-Stadt Probleme, wie man sie durchaus auch in Aichach kennt - und über die in regelmäßigen Abständen emotional diskutiert wird: Busse des öffentlichen Nahverkehrs drehten einsam, sprich fast leer, ihre Stadtrunden. Der Flexibus schaffte Abhilfe. Inzwischen gibt es das System längst im gesamten Landkreis Günzburg, momentan wird es auf den Landkreis Unterallgäu ausgedehnt. Das Geheimnis: Der Flexibus hat keinen Fahrplan, er ist bedarfsorientiert unterwegs. Maßgeschneiderte Mobilität quasi, die zwar etwas teurer ist als der Linienbus, aber dafür oftmals sogar direkt vor der eigenen Haustüre hält. "Wir können nur begeistert sein", fasste Horst Schmid, der neue Vorsitzende des Aichacher Umweltbeirates, gestern Nachmittag in der TSV-Halle seine Eindrücke zusammen, nachdem der Erfinder des Flexibusses sein Konzept vorgestellt hatte.


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Seit über zehn Jahren gibt es den Flexibus im Landkreis Günzburg. Das Motto: "Buchen. Einsteigen. Mobil sein." Aichachs Umweltbeirat zeigte sich gestern vom Konzept begeistert. Foto: BBS Reisen Brandner GmbH


Die Idee sei aus der Not heraus geboren worden, erläuterte der Krumbacher Busunternehmer Josef Brandner, der auch keinen Hehl daraus machte, dass das Auto wohl auch in Zukunft die Nummer 1 sein werde und sich der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs insbesondere auf dem flachen Land wohl kaum spürbar steigern lasse. Der Flexibus dürfe ohnehin keinesfalls als Konkurrenz oder gar Ersatz für den öffentlichen Nahverkehr verstanden werden. Es gehe schlicht um eine Ergänzung in der Fläche, die fahrplanunabhängig den Menschen hilft, die in der Regel selbst nicht mehr über ein Auto verfügen. "Öffentliche Mobilität durch den Kunden gesteuert", wie Brandner es nannte. Der Unternehmer beschäftigt an sieben Betriebsstandorten rund 600 Mitarbeiter und fungiert auch als geschäftsführender Gesellschafter der Flexibus KG.
Das System ist denkbar einfach. Der Kunde ruft eine Hotline an und bestellt den Flexibus. Es reicht rund eine halbe Stunde Vorlauf. Eine Software gleicht die Anfrage mit anderen Wünschen ab und schickt einen der Achtsitzer los. Er hält an einer Vielzahl von eigenen Flexibus-Haltestellen, die in der Regel in einem Umkreis von maximal 100 Metern einer jeden Haustüre eingerichtet sind. Allein in der Stadt Günzburg gibt es über 2000 solcher Bedarfshaltestellen. So ist gewährleistet, dass der Kunde schon beim Einsteigen nicht weit laufen muss. "Ein wesentliches Attraktivitätsmerkmal", wie Brandner fand.
Gefahren wird die ganze Woche zwischen fünf und 21 Uhr, Freitag und Samstag sogar bis 24 Uhr. Die Hotline ist täglich bis 18 Uhr besetzt, online kann rund um die Uhr gebucht werden. Inzwischen gibt es auch eine eigene App, auf der man mitverfolgen kann, wo sich der Bus gerade bewegt. Die Kosten hängen von den gefahrenen Kilometern ab, bewegen sich für eine einfache Fahrt ab 2,20 bis zu sieben Euro. Das ist etwas mehr als ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, reicht aber dennoch nicht aus, um die Kosten zu decken. Rund 400 000 Euro legt der Landkreis Günzburg pro Jahr für das Angebot an seine 127 000 Einwohner drauf. Geld, das man sich im Rahmen eines Nahverkehrskonzeptes vielleicht an anderer Stelle sparen könnte, wie Bürgermeister Klaus Habermann fand. Er verwies auf den Landkreis Aichach-Friedberg. Der gebe jährlich rund sieben Millionen Euro für den öffentlichen Nahverkehr aus. Stichwort: Augsburger Verkehrsverbund.
Zurück zum Flexibus. Rund 1,3 Millionen Fahrgäste hat das System seit 2009 transportiert. Die meisten Kunden nutzen den Bus zwei bis drei Mal in der Woche - zum Einkaufen, zur Fahrt zum Arzt oder auch um soziale Kontakte zu pflegen. Der überwiegende Teil der Gäste hat selbst kein Auto mehr und ist über 65 beziehungsweise über 75 Jahre alt. "Das ist eine seniorengerechte Art des Nahverkehrs", fand denn auch Horst Schmid. Zudem könnte ein Flexibus in Aichach auch Stationen anfahren, die der öffentliche Nahverkehr bis dato nicht ansteuert. Als Beispiele nannte Bürgermeister Habermann das Krankenhaus oder auch die Altenheime und das Betreute Wohnen in Aichach-Nord.
Inwieweit ein Flexibus in Aichach umgesetzt werden könnte, ist offen. Zunächst müsste ein Nahverkehrskonzept erstellt werden, für das der Landkreis und der Augsburger Verkehrsverbund zuständig sind. Wie der Bürgermeister betonte, könne er sich vorstellen, dass die Paarstadt als Referenzkommune dienen könnte, "die vielleicht auch selbst den ein oder anderen Euro beisteuern würde". Bis dato hat der Landkreis offensichtlich aber wenig Interesse bekundet.
Auf Dauer, davon zeigten sich gestern die Mitglieder des Seniorenbeirates überzeugt, werde man an anderen Arten der Mobilität aber nicht vorbeikommen. Das sah auch Josef Brandner so, der Aichach einen eigenen Feldversuch empfahl.
Im Landkreis Günzburg wurde bereits der nächste Schritt eingeleitet. Auf den Flexibus folgt nun der Flexitrans. Will heißen: Die Ressourcen der Personenbeförderung werden für den Warentransport mitgenutzt. Der Bus nimmt Päckchen, etwa von Apotheken mit und verteilt sie an Kunden. Stadt Aichach als Referenzkommune im Landkreis?

Von Robert Edler


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Veröffentlicht am 25.10.2021 17:51 Uhr