Aichach    

Landwirt verprügelt Bruder

Aichach - Weil er seinen Bruder "auf brutale Weise" geschlagen haben soll, muss ein Landwirt aus dem nördlichen Landkreis Aichach-Friedberg jetzt 90 000 Euro Strafe zahlen. Das sind 180 Tagessätze zu je 500 Euro, eine Seltenheit. Ein Tagessatz berechnet sich nach dem Monatseinkommen des beschuldigten, geteilt durch 30 Tage. "Es war das erste und letzte Mal, dass ich einen Tagessatz auf 500 Euro festsetze", meinte Richterin Eva Grosse gestern am Aichacher Amtsgericht, sichtlich beeindruckt und schockiert von der tragischen Geschichte zwischen den beiden Brüdern.


Landwirt schlägt Bruder und zahlt 90 000 Euro
Eine hohe Geldstrafe wartet auf einen Landwirt aus dem nördlichen Landkreis Aichach-Friedberg.
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Zerstrittene Geschwister sprechen mittels Anwalt

Miteinander haben sie ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, über Jahrzehnte hinweg, die meisten Mitglieder beider Familien arbeiten in der Firma. Angaben des Angeklagten zufolge sprächen aber zumindest die beiden Chefs jetzt nur noch über den Anwalt des vier Jahre älteren Bruders miteinander. Telefonieren oder mal eben auf einen Kaffee beim anderen vorbeikommen scheinen beide nicht zu wollen. Der Angeklagte selbst ließ in der Verhandlung ebenfalls seinen Verteidiger für sich sprechen. Der verlas bedächtig eine Stellungnahme - und hielt es offenbar für äußerst wichtig zu klären, wie viel Kraft man aufwenden müsste, um ein Tor zu öffnen, damit der Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllt ist.

Verteidiger spricht von Notwehr

Für Notwehr hielt Verteidiger Hartmut Göddecke das Verhalten des Angeklagten - und plädierte auf Freispruch. Gelächter und Kopfschütteln aus den hinteren Rängen des Saals folgte. Denn der ältere Bruder, der geschlagen worden sein soll, hatte seine ganze Familie dabei. Sein Sohn und die Tochter waren wie er selbst als Zeugen geladen. Sie wollten gesehen haben, wie ihr Vater von ihrem Onkel verprügelt worden ist.
Passiert sei alles am 10. Februar dieses Jahres - als es Winter und folglich kalt und glatt war. Das betonte Verteidiger Göddecke immer wieder. Immerhin soll sein Mandant an jenem Mittwochvormittag das schwere elektrische Gartentor laut Zeugenaussagen "mit roher Gewalt" aufgerissen haben, um auf den Hof seines Bruders zu stürmen, wo er, ein Werkzeug in den Händen schwingend, brüllend und Beleidigungen rufend, den älteren Bruder von dessen Schneepflug auf den Boden schubste und mehrfach ins Gesicht schlug. Dass sein Mandant wegen der Eisesglätte auf dem Hof wohl nicht gerannt, sondern "normal gegangen" sei, meinte Göddecke. Zudem habe der Angeklagte wohl nur geschrien, weil er auf einem Ohr schlecht hört. Indem er das erklärte, wollte der Rechtsanwalt die eigentlich "vernünftigen Absichten" des Landwirts zum Ausdruck bringen.

Grosse glaubt vor allem Nichte des Angeklagten

Das Werkzeug, das sein Mandant dabei geschwungen haben soll, fand in der Urteilsbegründung zumindest keine Erwähnung, auch die Frage, ob er laut der Erinnerung der Tochter des Bruders "wie ein Psychopath" gebrüllt hätte, blieb offen. Grosse glaubte aber vor allem der Nichte des Angeklagten, die dessen Verhalten detailliert schildern konnte. "Wie im Blutrausch" soll ihr Onkel auf ihren Vater eingeschlagen haben. Als die junge Frau und ihr kleiner Bruder den Onkel vom Vater weg drängten, seien sofort Beulen im Gesicht des Vaters aufgetaucht. Über ICD-Codes im ärztlichen Attest dachte derweil Verteidiger Göddecke nach. Die Abkürzungen in den Attesten könnten gegoogelt werden. Im Attest würden andere Erkrankunen aufgeführt. "Von Blut und Hämatomen steht da nichts", meinte Göddecke.

Geld- statt Freiheitsstrafe

Da der Angeklagte nicht vorbestraft ist, verhängte Eva Grosse zuletzt eine sehr hohe Geldstrafe mit 180 Tagessätzen, 60 mehr als Rechtsreferendarin Frederike Hoppe gefordert hatte.

Von Bastian Brummer



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Veröffentlicht am 16.11.2021 18:34 Uhr