Aichach    

Frauen sind anders abhängig - Suchtambulanz mit speziellen Angeboten

Aichach - Die Wohnung ist aufgeräumt, der Kühlschrank gefüllt, die Kinder neu eingekleidet. Alles scheint in bester Ordnung - so zumindest macht es von außen den Eindruck. Und doch stimmt etwas nicht in der Familie. Denn wenn alle Familienmitglieder aus dem Haus sind, genehmigt sich die Mutter ein, zwei Gläser Wein, um zur Ruhe zu kommen, Stress abzubauen, wie sie es vor sich selbst rechtfertigt - das aber mehrmals am Tag.


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Das Team der Aichacher Suchtambulanz mit Leiterin Magda Budna-Lamla (Zweite von rechts). Foto: Thomas Winter


Probleme dieser Art betreffen Frauen unterschiedlichen Alters und verschiedener Gesellschaftsschichten - auch im Wittelsbacher Land. Das weiß Marta Budna-Lamla. Sie ist seit April 2022 Leiterin der Suchtambulanz Aichach. Ihre Erfahrung: "Bei Frauen findet Sucht, also vor allem Alkohol- oder Tablettensucht, sehr viel heimlicher statt als bei Männern." Frauen seien darum bemüht, weiter zu funktionieren, "deshalb fällt es oft lange nicht auf, wenn sie heimlich Schmerz- oder Beruhigungsmittel schlucken oder Alkohol trinken", sagt die Diplom-Sozialpädagogin.
Häufig komme erst durch Zufall heraus, dass ein ernstes Problem bestehe - etwa durch eine Verkehrskontrolle oder "wenn irgendetwas schief läuft im sonst so geordneten Suchtalltag". Für die Suchtambulanz stellen Frauen darum eine echte Herausforderung dar. Manchmal, sagt Marta Budna-Lamla, könnten Hausärzte helfen. Wenn sie etwas bemerken, können sie an die Suchtambulanz weiter vermitteln, "natürlich nur, wenn der Suchtkranke auch bereit ist, sich helfen zu lassen".
In der Caritas-Suchtambulanz an der Münchner Straße 19 ist die Hilfe vielfältig. Es gibt Information und Beratung in Form von Einzel-, Paar- und Familienberatung, Angehörigen- und Elternberatung sowie Informations- und Motivationsgruppen. Insbesondere in Bezug auf Frauen, die Essstörungen aufweisen, medikamenten- oder alkoholabhängig sind, möchte Budna-Lamla eine geschlechterspezifische Suchtberatung anbieten, "eben weil sie anders süchtig sind als Männer". Bei suchterkrankten Frauen komme hinzu, dass sie noch immer hauptverantwortlich seien für die Erziehung. "Und das heißt konkret", erklärt die Aichacher Diplom-Sozialpsychologin, "dass durch die Sucht einer Mutter oft das ganze System Familie belastet wird".
Marta Budna-Lamla ist stolz darauf, zu ihrem Team auch zwei Männer zählen zu können. "Männer können mit einem männlichen Therapeuten meist offener über ihre Gefühle sprechen", sagt Philipp Frommelt. Der Sozialpädagoge leitet bei der Suchtambulanz die sogenannte Motivationsgruppe als Vorbereitung für eine Therapie. In der Gruppe, ebenso wie in Einzel- und Paargesprächen, gehe es häufig um die gleichen zentralen Fragen: Wo beginnt eine Abhängigkeit? Welchem Zweck dient der Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenkonsum? "Trinkt der Betroffene etwa, um Stress abzubauen, versucht man herauszufinden, wodurch es zum Stress kommt, wie sich der Stress vermeiden lässt, welche anderen Möglichkeiten es gibt, Entspannung zu finden", erläutert Frommelt.
In Aichach, Friedberg und Mering werden auch Eltern von suchtkranken Minderjährigen beraten. Mit ihnen werde unter anderem versucht zu ergründen, ob ein anderes, ursächliches Krankheitsbild vorliege, etwa ADHS oder eine Depression, und der Alkohol- oder Drogenmissbrauch also nur eine sogenannte komorbide Störung ist. "In Gesprächen mit Angehörigen kann zudem aufgedeckt werden, wie die Mechanismen der Abhängigkeit funktionieren", sagt Marta Budna-Lamla. So könne dann leichter Druck aufgebaut werden.
Denn keine Abhängigkeit finde im luftleeren Raum statt, häufig gebe es Menschen im mittelbaren oder unmittelbaren Umfeld, die die Sucht ungewollt unterstützen. "Viele Suchtkranke haben sich auf einem schlechten Niveau eingependelt", erklärt die Suchtfachambulanz-Leiterin. Wenn es gelinge, die Angehörigen dazu zu bringen, den Abhängigen nicht mehr zu unterstützen, könnten so verfestigte Strukturen aufgebrochen werden. "Dann ist es für den Betroffenen nicht mehr so bequem, und im besten Fall wendet er sich an uns", sagt Marta Budna-Lamla.
Alexander Kiefel, er leitet in Friedberg die Nachsorge-Gruppe, betont: "Wir haben eine strenge Schweigepflicht. Was uns jemand anvertraut, geht weder an die Polizei noch an die Krankenkasse oder andere Stellen." Dies sei besonders im Zusammenhang mit illegalen Drogen wichtig, so Kiefel, der bestätigt, dass junge Erwachsene in Aichach und Umgebung nach Alkohol vor allem "Cannabisprodukte konsumieren". Die geplante Legalisierung von Gras und Haschisch sehen die Vertreter der Suchtambulanz kritisch. Es sei nicht die angemessene Antwort auf das Problem, so Budna-Lamla.
Die Suchtambulanzen in Aichach, Friedberg und Mering kümmern sich übrigens auch um die Unterbringung in verschiedene Kliniken, die Vermittlung an andere Therapiestellen beziehungsweise ganz allgemein um die Navigation durch den Dschungel von Anträgen, wie Marta Budna-Lamla erklärt.

Die Suchtambulanz Aichach ist telefonisch unter 08251/8864280 erreichbar montags, mittwochs und freitags von 9 bis 13 Uhr, am Dienstag und Donnerstag von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr. Die Fachambulanz befindet sich an der Münchner Straße 19, Außenstellen in Friedberg und Mering, Vereinbarung über Aichach. Die Mechanismen der Sucht erkennen und aufbrechen

Von Thomas Winter


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Veröffentlicht am 15.01.2023 18:29 Uhr