Aichach    

Die Gebrauchsanweisung

Aichach - Klimaschutz ist zwar in aller Munde, ob allerdings genug getan wird, um den galoppierenden Klimawandel noch zu stoppen, darüber lässt sich trefflich streiten. Die Stadt Aichach hat nun ein Werkzeug an der Hand, um hehren Worten tatsächlich auch Taten folgen zu lassen: den sogenannten digitalen Energienutzungsplan. Jetzt wurde er dem Stadtrat vorgestellt. Verbunden mit außergewöhnlichem Lob.


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Klimaschutz soll wachsen und gedeihen in Aichach. Der digitale Energienutzungsplan macht dazu konkrete Vorschläge. Foto: Sarah Richter, Pixabay
Sarah Richter/Pixabay


Viele Kommunen in Bayern seien gerade dabei, Energienutzungspläne zu erstellen, betonte Christoph Vögerl vom Institut für Energietechnik an der Technischen Hochschule Amberg. Aichachs Werk steche allerdings heraus. Der Grund: Mit enthalten ist bereits ein konkreter Maßnahmenkatalog mit Projektideen, die Stück für Stück abgearbeitet werden können. Anders gesagt: Aichachs Energienutzungsplan ist kein Papiertiger für die Schublade, sondern eine ganz konkrete Gebrauchsanweisung für mehr Klimaschutz in der Paarstadt. Mit der beschlossenen Umstellung der Straßenleuchten auf LED-Technologie hat man sogar schon einen Punkt der Liste in Angriff genommen.
Ohne Theorie geht es auch in der Kreisstadt nicht. Der Energienutzungsplan enthält eine gebäudescharfe Erfassung des energetischen Ist-Zustandes und der Energie-Infrastruktur sowie eine ebenfalls gebäudescharfe Potenzialanalyse. Beispiel Aufdach-Photovoltaik. Sämtliche kommunalen Liegenschaften wurden begutachtet, ob sie, und wenn ja in welchem Umfang, mit Modulen bestückt werden könnten - inklusive Ertrag und Eigennutzungsanteil, sprich Grad an Stromautarkie. Am Ende stand eine Projektliste, von der je nach Haushaltslage Gebrauch gemacht werden kann.
Apropos Photovoltaik auf öffentlichen und privaten Gebäuden: Rund 9,9 Millionen Kilowattstunden Strom werden momentan pro Jahr auf Aichacher Dächern erzeugt. Die Experten schätzen das vorhandene Potenzial auf 100 Millionen Kilowattstunden. Dass sich unabhängig davon schon jetzt einiges tut in Aichach, machte Vögerl anhand einer anderen Zahl deutlich. Für den Energienutzungsplan wurden Zahlen aus dem Jahr 2018 herangezogen. Damals lag der Anteil erneuerbarer Energien beim Stromverbrauch bei etwa 67 Prozent. Inzwischen rangiere man bereits bei rund 95 Prozent, so der Mitarbeiter der Technischen Hochschule mit Blick auf bereits am Netz befindliche beziehungsweise geplante Photovoltaikanlagen.
Beim Strom ist Aichach also ganz gut dabei. Eine große Rolle spielen in diesem Zusammenhang insbesondere die sechs Windräder der Energiebauern im Blumenthaler Forst, die allein im Jahresschnitt an die 34 Millionen Kilowattstunden erzeugen. Problemkind ist indes - wie in zahllosen anderen Kommunen - der Wärmebedarf im Winter. In Aichach-Nord leistet zwar sei vielen Jahren das Biomasseheizkraftwerk hervorragende Dienste, gleichwohl werden in der Paarstadt pro Jahr rund 13 Millionen Liter Heizöl verbraucht. Der Ausbau von Fernwärmenetzen könnte in Zukunft helfen. Hausbesitzer können aber auch bei einer anstehenden Heizungserneuerung in Klimaschutz investieren.
Mit Heizöl arbeitet momentan auch noch das Asphaltmischwerk der Firma Schweiger in Walchshofen. Das soll sich ändern. Geplant ist eine Holzstaubverfeuerung. Christoph Vögerl spricht von einem absoluten "Leuchtturmprojekt". Momentan gebe es in ganz Bayern lediglich eine einzige vergleichbare Anlage. Klappt es in Walchshofen - momentan läuft das Genehmigungsverfahren -, könnte das Werk Vorbild für die gesamte Asphaltindustrie sein. Das CO2-Einsparpotential nur in Bayern beträgt 170 000 Tonnen pro Jahr.

Von Robert Edler


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Veröffentlicht am 29.11.2021 17:23 Uhr