Aichach    

"Die fangen bei null an": Hilfe für Flutopfer in Ahrweiler

Hohenried/Altenahr - Über 130 Tote, noch immer mehr als 70 Vermisste, Hunderte Verletzte, Tausende Menschen obdachlos, Hunderte von der Flut weggerissene Gebäude und eine nahezu völlig zerstöre Infrastruktur. Das Ahrtal und den Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz hat es bei der Hochwasserkatastrophe vor gut zwei Wochen besonders schwer erwischt. "Die Dimension ist unvorstellbar", berichtet Markus Heißerer. Der 40-jährige Hohenrieder war im Auftrag seines Arbeitgebers fünf Tage im Krisengebiet. Gemeinsam mit anderen Energieanlagenelektronikern von LEW Verteilnetz, darunter Christian Oßwald aus Haunswies und der Rehlinger Maximilian Noll, versuchte das Team bei der Wiederherstellung der Stromversorgung zu helfen.


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Vom Schlamm am Straßenrand in Altenahr wieder freigegeben, nachdem er von der reißenden Flut zuvor irgendwo aus einem Kinderzimmer im Ahrtal mitgerissen worden war: ein Spielzeugbulldog. Jetzt fand er in die Sammlung eines bayerischen Buben.


Die Unterstützung war willkommen in Altenahr und Bad Neuenahr - und auch erfolgreich. Bedingt zumindest. Dort, wo selbst ganze Trafohäuschen wie vom Erdboden verschluckt sind, sich nur noch die Enden dicker Erdkabel in Richtung Nichts strecken, kann es zunächst nur um notdürftigste Reparaturen gehen. Und umsichtiges Handeln, um die Betroffenen vor gefährlichen Stromschlägen zu schützen. Nicht nur die Energieversorgung ist de facto mit den Fluten der reißenden Ahr verschwunden. Komplett erneuert werden müssen auch die Wasserleitungen, die Kanalisation, Brücken sowie Straßen - und ein Großteil der Häuser. "Die fangen bei null an", entfährt es Markus Heißerer. Er habe sich zunächst gar nicht vorstellen können, dass in Deutschland Gebiete vorübergehend nicht erreichbar sein könnten, Menschen über Wochen als vermisst gelten. Dass ein 40-Jähriger den Vergleich zu einem Kriegsgebiet zieht, mag auf den ersten Blick verwundern. Heißerer erzählt von einem Polizisten, den er in Altenahr getroffen habe. Der sei schon in Afghanistan, im Kosovo und in afrikanischen Kriegsregionen unterwegs gewesen. All das, was er dort gesehen habe, sei nichts gewesen im Vergleich zu den Folgen dieser Flut.
Die Bilder haben sich auch bei Markus Heißerer eingeprägt. Der Hohenrieder war vor fast 20 Jahren auch nach dem verheerenden Elbe-Hochwasser im Hilfseinsatz. Damals zusammen mit der Feuerwehr. Schlimm sei es gewesen, keine Frage. Aber nichts verglichen mit dem, was er nun gesehen habe. Und gehört hat. Von den Überlebenden, die vor dem Nichts stehen und irgendwie einfach funktionieren. Noch. "Ich glaube, die meisten haben eigentlich noch gar nicht realisiert, was passiert ist", sagt Heißerer. Sie stehen unter Schock. Man habe zugehört und so viele tragische Geschichten erfahren. Jene von einem Mann etwa, der Stockwerk um Stockwerk den ansteigenden Wassermassen entfloh und schließlich auf dem Dach stand, als das Haus der Nachbarn an ihm vorbeischwamm. Samt Bewohnern, von denen bis heute jede Spur fehlt. Ein anderer Nachbar konnte sich ans Ufer retten, seine Frau nicht. Auch sie wird seitdem vermisst.
Viele der Menschen, die Heißerer und seine Kollegen trafen, berichteten von purer Todesangst und verschollenen Bekannten. Die Chancen, dass sie lebend wieder auftauchen, gehen gegen null. Die Zahl der Todesopfer wird weiter steigen. Allein der Gedanke an diese Schicksale macht Markus Heißerer tief betroffen. Die Häuser, in die der Hohenrieder kam, wurden zuvor von Leichenspürhunden der Polizei durchsucht. Auf eine Leiche zu stoßen, das blieb den LEW-Mitarbeitern zum Glück erspart. Dennoch begleitete sie den ganzen Tag das Leid vieler Menschen. Und ein unvorstellbarer Gestank. Eine kaum zu ertragende Mischung aus Fäkalien, altem Öl und Verwesung. "Der Gestank ist das Schlimmste", sagt Heißerer. Am Abend im Hotel versuchte man gemeinsam, das Erlebte zu verarbeiten. Ein Kriseninterventionsteam wäre ihnen zur Verfügung gestanden, das habe man aber nicht gebraucht.
Es gab auch positive Erlebnisse. Die Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander etwa. Der tiefe Zusammenhalt. Und die große Dankbarkeit der Betroffenen. "Obwohl wir beruflich dort waren und dafür bezahlt wurden", wie Heißerer ausdrücklich betont und stattdessen lieber die vielen Freiwilligen der Hilfsorganisationen in den Vordergrund rücken möchte.
Als ein kleiner Spielzeugbulldog aus dem Schlamm auftauchte und ihn der 40-Jährige für seinen Sohn fotografieren wollte, kam eine Frau und bat den Hohenrieder, das kleine Gefährt doch mitzunehmen. Niemand wisse, wem es gehöre und woher es eigentlich komme. So könne er wenigstens noch Freude bereiten. Nun hat der Traktor ein neues Zuhause gefunden. Der kleine Felix wird auf ihn aufpassen. Und Markus Heißerer wird er an einen beruflichen Einsatz erinnern, der ihn vermutlich nachhaltig prägen wird. Vielleicht fährt der Elektriker mit seiner Familie irgendwann in der Zukunft auch privat an die Ahr. Denn: "Die Landschaft dort ist wunderbar. Dort würde ich Urlaub machen." 



Von Robert Edler

Helfen kann man den Flutopfern auch ohne eine Fahrt ins Katastrophengebiet. Sachspenden sind bekanntlich längst genügend eingegangen, benötigt werden weiterhin Blutspenden und vor allen Dingen Geld für den Wiederaufbau.
Marion und Hubert Lohner aus Stotzard war sofort klar, "dass man den Leuten helfen muss". Die Idee, einen Wochenendumsatz ihres "Eierheisls", in dem sie die Eier ihres mobilen Hühnerstalls vermarkten, an den Verein "Herzenssache" in Rheinland-Pfalz zu spenden, wurde zu einem durchschlagenden Erfolg. Viele Kunden legten noch etwas drauf, so dass schnell 1000 Euro zusammenkamen. Damit nicht genug. Noch immer geben Menschen Geld für die Flutopfer ab. Weitere 750 Euro können deshalb jetzt an die Aktion "Nachbarn in Not" im Landkreis Ahrweiler gehen.
Zahlreiche Hilfsorganisationen haben Spendenkonten eingerichtet. Gespendet werden kann unter anderem an die "Aktion Deutschland Hilft" . Dies ist ein Bündnis deutscher Hilfsorganisationen, das auch von den ARD-Rundfunkanstalten unterstützt wird. "Aktion Deutschland Hilft" ruft mit folgendem Konto zu Spenden auf:
IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30; BIC: BFSWDE33XXX; Stichwort: ARD / Hochwasser. roe


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Markus Heißerer und seine Kollegen von LEW Verteilnetz versuchten im Auftrag des zuständigen Energieversorgers den Betroffenen in Altenahr zumindest wieder eine notdürftige Stromversorgung zu ermöglichen. Angesichts der Zerstörungswut des Wassers ein schier aussichtsloses Unterfangen. Nach Möglichkeit wurden noch vorhandene Hausanschlusskästen gereinigt und getrocknet. Zum Teil waren aber selbst die Trafohäuschen von der Kraft der Flut mitgerissen worden. Fotos: privat


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Veröffentlicht am 30.07.2021 15:52 Uhr