Aichach    

Der Luxus der Nische: Zu Besuch beim Likias-Verlag

Friedberg - Nur ein kleines Schild am Briefkasten gibt einen Hinweis darauf, dass in einem normalen Einfamilienhaus in einer Friedberger Wohnsiedlung täglich tief in den Brunnen der Vergangenheit gestiegen wird, wie Thomas Mann das Graben in der Geschichte nannte. Tatsächlich haben Dr. Ursula Ibler und Volker Babucke buchstäblich gegraben, in der Erde, mit Schaufeln und Kellen. Die haben die beiden Archäologen aber längst gegen den Computer eingetauscht, und statt mit Mauerresten oder Scherben beschäftigen sie sich in ihrem Likias-Verlag nun mit Schriftgrößen, Satzspiegeln, Umbruch und Fotos.


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Volker Babucke und Dr. Ursula Ibler sind der Likias-Verlag. Gute und schöne Bücher zu machen, bereitet ihnen ganz offensichtlich Freude. Foto: Berndt Herrmann


Der Besucher wird offen und freundlich empfangen, das Paar gehört zu den Menschen, die mit den Augen lachen, aber auch genau hinschauen. Sie wollen wissen, so der Eindruck, was unter der Oberfläche ist. Klar, sie sind Archäologen.
Sitzt man dann in einem der beiden Arbeitszimmer, die natürlich mit Büchern gefüllt sind, wird schnell deutlich, warum die beiden vom Archäologen- zum Verlegerpaar geworden sind: Sie sind mit Begeisterung dabei und machen genau das, was sie wollen.
Das sind Bände über Archäologie und Geschichte, qualitativ hochwertig, Bücher, die man nicht nur gerne liest, sondern auch gerne in den Händen hält. Volker Babucke holt einen Band nach dem anderen aus dem Regal, und so liegt die Geschichte des "Lech"-Verlags (Likias ist der lateinische Name des Lechs) bald aufgestapelt vor einem. Auch die kleine Schrift "Der Tod im Topf" über die Ausgrabungen im römischen Gräberfeld von Oberpeiching bei Rain am Lech, das erste kleine Buch des Verlags, den es damals noch gar nicht gab. Gemacht haben sie es für ihren damaligen Chef am Landesamt für Denkmalpflege, Dr. Wolfgang Czysz.
Nach Studien in ihrer Heimatstadt und in Saarbrücken beziehungsweise München waren die beiden Bonner 1995 nach Augsburg gekommen, haben in Schwaben an Grabungen teilgenommen, aber auch redaktionelle Arbeiten im Landesamt gemacht. So und über den guten Kontakt zu Czysz kam es zum ersten Buch, und offensichtlich waren alle damit zufrieden.
Es folgten weitere Bände, bald auch das "erste richtige Buch", wie es Volker Babucke nennt, "Gonita", über Günzburg in der Römerzeit, ebenfalls von Wolfgang Czysz. Danach kamen die Aufträge und Projekte mehr zu ihnen, als dass sie danach suchen mussten. Das Denkmalamt, andere Institutionen, aber auch Kontakte aus der Studienzeit, also das oft beschworene Netzwerk führten zu weiteren Aufträgen, der Likias-Verlag wurde weiterempfohlen. Dabei war die archäologische Kompetenz von Ursula Ibler und Volker Babucke ein wichtiges Argument.
Gerade Abbildungen, Grafiken und Karten sind in archäologischen Fachpublikationen besonders wichtig, das entsprechende Wissen gehörte sozusagen zum Gründungskapital des dann im Jahr 2001 aus der Taufe gehobenen Verlags. "Die Auftraggeber wollen gerne mit uns arbeiten, weil sie sagen: ,Ihr wisst, worauf es ankommt und ihr wisst, wie es funktioniert'", sagt Babucke.
So war der Schritt in die Selbstständigkeit fast logisch. Seit 2004 arbeiten beide hauptberuflich in dem Verlag, dessen Spektrum auch auf historische Bücher ausgeweitet wurde. Die Kunden bekommen dabei das Gesamtpaket, von Redaktion und Lektorat über Satz, Layout, Bildbearbeitung, Grafik bis zu Druckbetreuung und Vertrieb.
Als weiteres Standbein erarbeitet Likias Ausstellungskonzepte und ist für Museen tätig. Beide Bereiche ergänzen sich. Schließlich soll ein Ausstellungsbesucher durch die Gestaltung angezogen und interessiert, das Wissen kompakt und übersichtlich vermittelt werden, das Auge ist genauso wichtig wie der Kopf. Für die Bücher gilt dasselbe.
Die fundierte wie attraktive Gestaltung und die hohe Qualität sind so etwas wie das Wasserzeichen des Verlags. Ein gutes Beispiel dafür ist der Band "Glanzvoll" über das neue Museum im Wittelsbacher Schloss in Friedberg, eines jener Likias-Bücher, das sich über das wissenschaftliche Fachpublikum hinaus an eine breite Leserschaft wendet. Erstklassige Reproduktionen, großzügiges Layout, knappe, dichte, aber dennoch gut lesbare Texte, übersichtliche Gliederung - in dem Buch liest und blättert man mit Vergnügen.
Im Likias-Programm gibt es auch echte Fundstücke wie zum Beispiel den Band "Souvenirs de captivité". Es sind Zeichnungen, die ein unbekannter Mithäftling für den Franzosen Paul Wernet angefertigt hat, der 1944 und 1945 zuerst im KZ Dachau und dann im Außenlager Kempten inhaftiert gewesen war. Die Bilder gewähren einen völlig anderen Blick in den grausamen Alltag des Terrorsystems; einen Blick, der auch diskussionswürdig ist, weil sich die Frage stellt, ob die an Kinderbilder oder Comics angelehnten Zeichnungen den Terror verharmlosen. Oder eben gerade einen anderen, empathischen Zugang ermöglichen. Ein Nischenbuch auf jeden Fall, das in einem Nischenverlag genau richtig scheint. Denn so versteht das Verlegerehepaar Likias: Als Verlag in der Nische, und dort wollen sie auch bleiben. Denn in der Nische, ohne Mitarbeiter und Kosten für Büros und ähnliches, lebt es sich durchaus gut. "Wir machen nicht alles. Wir wollen entscheiden, was wir machen", fasst es Ursula Ibler zusammen. Schöne Bücher zu machen, und nur die, die man will. Das ist in der Tat ein Luxus. Und wenn der Besucher sich nach einem kurzen oder nur kurzweiligen Gespräch verabschiedet und wieder mit einem Lachen nach draußen begleitet wurde, ist er, wenn er erneut an dem Briefkasten mit dem unscheinbaren Schild vorbeigeht, sicher, dass die beiden das auch wissen. Ungewöhnliche und mutige Projekte: ein Kinderbuch über Erfahrungen im KZ-Außenlager

Von Dr. Berndt Herrmann


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Veröffentlicht am 30.07.2021 15:53 Uhr