Aichach    

Das wissende Auge des Wals

Aichach - Gelassen und Respekt einflößend blickt er von der Wand, seinem wissenden Auge entgeht nichts, als würde er aufpassen, dass den anderen Kunstwerken auch nichts geschieht. Ein bisschen scheint in diesem Blick auch Misstrauen gegenüber den Menschen zu liegen. Wer würde es ihm verdenken. Bente Wolkes "Physeter macrocephalus" ist so, wie ein Pottwal eben ist: Man kann ihn nicht übersehen. Deshalb zieht er auch in der diesjährigen Jahresausstellung der Werkstatt Galerie Schiele die Aufmerksamkeit des Besuchers erst einmal auf sich, obwohl er nur aus dünnem Blech ist. Blickt der Besucher nach links, ist da ein Fingerhakler, der sich mit dem ganzen Körper in den Zug hängt und dabei fast vom Hocker fällt. Ihm gegenüber ein Schemen, der nichts Gutes verheißt, aber im Moment im Vorteil zu sein scheint. Wer den Titel liest, wünscht sich, der Pottwal würde dem Fingerhakler helfen: "Heimat, gegen rechts" nennt Gernot Thamm sein ins Dreidimensionale ausgreifende Bild.


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Ein Ensemble , das funktioniert und zeigt, dass Galeristin Uli Schiele wieder mit viel Kunstverstand und Einfühlungsvermögen kuratiert hat: "Physeter macrocephalus" und mehrere Bilder einer Serie mit dem Thema "Haus" von Gernot Thamm. Rechts: "Yeah" von Anneliese Hirschvogl. Fotos: Berndt Herrmann
Berndt Herrmann


Sowohl die Hamburgerin Wolke wie auch der Augsburger Thamm haben schon in der Galerie von Uli Schiele ausgestellt. Das entspricht dem traditionellen Prinzip der Weihnachtsausstellungen: Eingeladen wird, wer schon eine oder auch mehrere Einzelausstellungen in Aichach hatte. Das gibt den jeweils letzten Expositionen des Jahres in der Galerie den Charakter von Treffen mit alten Bekannten, die alle höchst unterschiedlich sind.
Das macht den anhaltenden Reiz der Weihnachtsausstellungen aus. Sie bringen das Heterogene zusammen, ohne es zu homogenisieren; es entstehen oft überraschende, manchmal assoziative Verbindungen, man kann sozusagen von einem Werk zum nächsten wandern und dabei immer einen anderen Weg nehmen.
Einige von Rita Maria Mayers Terracotta-Arbeiten lassen dabei unweigerlich an die aktuelle Situation denken: "Balance III" etwa, wo die kleine Figur im Leben, so wie es gerade eben ist, das Gleichgewicht zu halten versucht - und man ihr am liebsten dabei helfen möchte, auch wenn man sich lieber zu der Figur daneben gesellen würde, die im Rückzug Schutz sucht.
Oder doch besser Eskapismus? Mit einem lauten "Yeah!" wie in Anneliese Hirschvogls gleichnamigem kleinen Bild davonspringen, am besten mitten hinein in das warme Gelb, das man in ihren Arbeiten so oft findet und das den Sommer und die Sonne denken lässt.
Darin bilden sie einen Gegenpol und gleichzeitig eine der Ergänzungen, wie man sie in der Ausstellung oft findet, zu den immer wieder verblüffenden Zeichnungen von Christine Metz: Wie grobkörnige Schwarz-Weiß-Fotografien fangen sie Atmosphäre von Nächten in Neukölln ein, als wäre man in einem französischen Film noir. Man möchte am liebsten immer näher ran, um diese Wunderwerke der Abertausend Bleisiftstriche zu erkunden. Doch Vorsicht: Der Wal passt auf.

Die Ausstellung "Weihnachten 2021, Bilder - Schmuck- Objekte" ist in der Bauerntanzgasse 3 ab heute zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Freitag von 10 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 18 Uhr. Samstag von 10 bis 12.30 Uhr zu sehen. Die für Sonntag vorgesehene Vernissage entfällt.

Von Dr. Berndt Herrmann

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Balance III heißt diese Terracotta-Arbeit von Rita Maria Mayer, die in der Ausstellung zu sehen ist
Berndt Herrmann



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Veröffentlicht am 26.11.2021 17:26 Uhr