Aichach    

Beamtin bricht mit dem System

Aichach - Der Arbeitsalltag am Gesundheitsamt Aichach-Friedberg ist nicht erst seit der Omikron-Welle höchst angespannt. Carola Schüssler kennt ihn aus dem Effeff. Seit Pandemiebeginn im März 2020 war die Hygienekontrolleurin nur noch mit Corona beschäftigt. Die 31-Jährige liebte ihren Job und übte ihn mit viel Herzblut aus. Dennoch verlässt sie nun das Gesundheitsamt nach knapp neun Jahren und gibt damit auch eine sichere Beamtenstelle auf. Der Grund: Sie kann die Umsetzung der politischen Vorgaben, die weit in ihren Tätigkeitsbereich eingreifen und diesen an einigen Stellen komplett umwerfen, nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren. Im Interview mit der AICHACHER ZEITUNG benennt sie die Schwachpunkte bei der Pandemiebekämpfung.

Versäumnisse bei Corona-Ausbruch in Friedberg

Unter anderem geht sie auf den Corona-Ausbruch am eigentlich Covid-freien Friedberger Krankenhaus zum Jahreswechsel 2020/2021 ein. An diesem Beispiel verdeutlicht sie, wie schwierig eine objektive Aufarbeitung ist, wenn alle beteiligten Stellen und Akteure miteinander verzahnt sind.
Der Ausbruch vor über einem Jahr war erst durch Medienrecherchen Mitte Januar 2021 bekannt geworden. Bis dahin tauchte das Infektionsgeschehen am Friedberger Krankenhaus lediglich einmal in den Pressemitteilungen des Landratsamts auf. Erst am 22. Januar bestätigte Dr. Kirsten Höper, damals Leiterin des Gesundheitsamts, dass es einen Corona-Ausbruch am Friedberger Krankenhaus gibt, wenige Tage zuvor hatte sie dies noch verneint. Carola Schüssler hegte hingegen bereits Mitte Dezember den Verdacht, dass es einen Ausbruch geben könnte und hat dies nach eigenem Bekunden auch der Gesundheitsamtsleiterin vorgetragen. Die üblichen Schritte zur Überprüfung, etwa ein sofortiger Ortstermin, seien nicht unternommen worden.

Schwerwiegende Folgen

In Zusammenhang mit den Coronafällen im Krankenhaus zwischen November 2020 und Januar 2021 sind mehrere Menschen gestorben. In einem Zwischenbericht in der Novembersitzung des Kreistags wurde dargelegt, dass die Kliniken an der Paar davon ausgehen, dass sich 15 Patienten während ihres Krankenhausaufenthalts infiziert haben. Bei einem dieser Patienten ist das Krankenhaus zu dem Schluss gekommen, dass er an den Folgen gestorben ist. Bei vier weiteren Todesfällen seien die Folgen der Infektion nicht todesursächlich gewesen. Die weiteren untersuchten Fälle aus der Zeit von November bis Januar werden wie folgt aufgeschlüsselt: 16 Infektionen deren Ursache unklar ist (mit sieben Todesfällen); vier Fälle externer nosokomialer Infektionen (mit einem Todesfall); 17 von außen eingetragene Infektionen (zwei Todesfälle); ein nicht näher klassifizierter Fall.
Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet, weil eine Angehörige Anzeige erstattet hat. Wegen dieser noch immer andauernden Ermittlungen wurde der Abschlussbericht des Gesundheitsamts der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich gemacht.
Den Schritt an die Öffentlichkeit wählte Schüssler, weil interne Kritik zu nichts führte. Wenn es unangenehm wurde, schoben sich die Regierung von Schwaben und das Landratsamt die Verantwortung für das Gesundheitsamt gegenseitig zu.

Von Tanja Marsal



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Veröffentlicht am 28.01.2022 18:31 Uhr