Aichach    

Besorgte Eltern melden sich zu Wort

Aichach-Friedberg/Dachau - Zahlreiche Eltern aus bayerischen Städten und Landkreisen, unter anderem in Aichach-Friedberg, Dachau, Neuburg-Schrobenhausen und Fürstenfeldbruck, haben sich in Gruppen zusammengeschlossen und solidarisieren sich mit dem Leiter des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg, Dr. Friedrich Pürner, der sich zuletzt kritisch zur Anti-Corona-Strategie der bayerischen Staatsregierung geäußert hatte. Auch Ärzte aus der Region stellten sich hinter den Epidemiologen und forderten einen offenen, kritischen Dialog in Sachen Covid-19 (wir berichteten).


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Deutschlandweit finden derzeit Kuscheltieraktionen als Protest gegen die Maskenpflicht für Kinder statt. Unser Foto wurde in Fürstenfeldbruck aufgenommen. Foto: privat


In einer Pressemitteilung an unsere Redaktion heißt es, dass viele "besorgte Eltern sich mit Dr. Pürner solidarisieren und das Corona-Regime beklagen". Der Gruppe "Eltern stehen auf" gehört auch Alexander Denner aus Kissing an. Er freut sich über Pürners Vorstoß: "Gott sei Dank ist da jemand, der etwas sagt und hinterfragt." Der Vater einer 14-jährigen Tochter und eines Säuglings hat eine klare Meinung, wenn es um die Maskenpflicht für Kinder an Schulen geht: "Ich werde meine Tochter dieser Gefahr nicht aussetzen." Der 38-Jährige beruft sich unter anderem auf seine Tätigkeit als Fachkraft für Arbeitssicherheit. Er berät Unternehmen zu diesem Thema und kennt die klaren Vorgaben aus arbeitsrechtlicher Sicht, die für Erwachsene in diesem Bereich gelten. Denner betont, diese Vorgaben müssten für Kinder noch viel strenger sein.
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) gibt genau vor, wie lange Masken am Arbeitsplatz getragen werden dürfen. Bei den so genannten Communitymasken ist eine maximale Tragezeit von zwei Stunden angegeben (bei mittelschwerer Arbeit), richtige Atemschutzmasken müssen ebenfalls nach zwei Stunden abgenommen werden, und es wird eine Pause von mindestens 30 Minuten vorgeschrieben. Insgesamt darf diese Maske drei mal zwei Stunden am Tag mit den jeweiligen Pausen getragen werden, wie auf der DGUV-Internetseite nachzulesen ist. "Und wir lassen unsere Kinder bis zu neun Stunden täglich Maske tragen", empört sich Denner.
Nach dem ersten Tag mit Ganztagesmaskenpflicht hat Denner bereits reagiert. Als seine 14-jährige Tochter von der Schule nach Hause kam, habe sie fünf Stunden am Stück geschlafen, erinnert er sich. Da hätten bei ihm alle Alarmglocken geläutet. Er beschloss, sich um ein Maskenbefreiungsattest für seine Tochter zu bemühen. Der erste Kinderarzt hat die Ausstellung abgelehnt. Von einem anderen Mediziner bekam er das Dokument, doch die Schule erkannte es nicht an. Als Erklärung hieß es, es fehle die Diagnose, und der Arzt sei "bekannt". Also suchte Denner eine dritte Praxis auf, in der die 14-Jährige als Kleinkind wegen Bronchitis behandelt worden war. Doch hier weigerte man sich ebenfalls, eine Befreiung auszusprechen. "Das wurde mir gleich am Telefon mitgeteilt, ohne dass sie meine Tochter untersucht hätten", erzählt Denner, der die Ärztin dennoch aufsuchte und eine Lungenuntersuchung einforderte. Bei dieser wurde ein Belastungsasthma festgestellt. Doch statt des erhofften Attestes für die Maskenbefreiung verschrieb die Ärztin ein Asthmaspray.
Denner traf aus Konsequenz daraus die Entscheidung, seine Tochter nicht in die Schule zu schicken. Der Schulleiter beruft sich nun auf die Schulpflicht und droht, dass alle verpassten Arbeiten mit Note sechs bewertet würden, da die Neuntklässlerin unentschuldigt fehle. Das nimmt Denner - und auch seine Tochter - in Kauf: "Und wenn sie das Jahr wiederholen muss." Er stellt klar, dass sein Vorgehen nichts mit Trotz zu tun habe: "Ich kann belegen, dass das lange Tragen der Maske schädlich ist." Dabei verweist der Vater auf die Richtlinien des Arbeitsschutzes: "Wäre es nicht schädlich, müssten dieses nicht so streng ausgelegt sein."
Denner sagt weiter, er sei weder ein Virusleugner noch ein Aluhutträger. "Das Virus ist da und kann gefährlich sein, aber Angst ist kein guter Berater und wir dürfen das nicht auf dem Rücken unserer Kinder austragen." Er werde weiter für seine Tochter kämpfen und anderen Mut machen. "Ich habe in letzter Zeit so viele verzweifelte Mütter weinen sehen, die hilflos sind und ihre Kinder ebenfalls beschützen wollen", sagt Denner, der Fälle kennt, in denen Eltern der Schule vier Atteste vorweisen mussten, bis diese anerkannt wurden.
Die Gruppe "Eltern stehen auf" wachse laut Denner stetig. Allein in Kissing seien 200 Mütter und Väter dabei, in Augsburg sogar an die 500. Mitglieder des Elternzusammenschlusses schickten laut der uns vorliegenden Pressemitteilung "lange Sorgenbriefe mit persönlichen Geschichten" an Gesundheitsamtsleiter Dr. Friedrich Pürner - auch als Unterstützung für sein fachliches Gespräch in der Regierung von Schwaben vor einer Woche. Über dessen Inhalt wurde Stillschweigen vorgegeben.
Dr. Friedrich Pürner bestätigt den Erhalt vieler Zuschriften. Genau genommen füllen die ausgedruckten E-Mails, die der 53-Jährige nach seinen öffentlichen Aussagen bezüglich der Corona-Strategie erhalten hat, fünf dicke Aktenordner. Neben vielen Eltern sind unter den Absendern Lehrer, Erzieher, Journalisten, Geschäftsleute und auch Politiker, die sich für den Mut des Beamten bedanken und ihm Respekt zollen.
"Bleiben Sie stark", "Lassen Sie sich nicht den Mund verbieten", "Danke dafür, dass Sie sich für unsere Kinder einsetzen", ist immer wieder zu lesen. Viele Eltern klagen ihr Leid und beschreiben Erlebnisse aus dem Schul- und Kindergartenalltag ihrer Kinder.
Besonders schlimm sei die Situation für Kinder, die eine Maskenbefreiung haben. Diese würden ausgegrenzt, angefeindet, müssten den Unterricht teilweise vom Flur aus verfolgen, berichten zahlreiche Eltern. Weiter würden Schulleiter eine attestierte Maskenpflicht zum Teil nicht anerkennen und das ärztliche Dokument als "Gefälligkeitsattest" ablehnen, wie im Fall von Alexander Denner. Statt der vorgesehenen Stoßlüftung würde an vielen Schulen bei dauerhaft geöffneten Fenstern unterrichtet. Lehrer empfehlen frierenden Kindern, Decken und warme Kleidung mitzubringen. Eine Mutter zitiert ihr Kind mit den Worten: "Mama, ich kann nicht mehr. Ich will, dass Corona endlich aufhört." E-Mails mit ähnlichem Inhalt sind zuhauf in der Sammlung, die sich auf gut 1000 Zuschriften beziffern lässt. Pürner, der im Landkreis zum Teil für seine Aussagen kritisiert wurde, wunderte sich selbst über die Vielzahl an positiven Rückmeldungen. In den Ordnern sei nur ein minimaler Anteil kritischer Rückmeldungen. "Mama, ich will, dass Corona endlich aufhört."

Von Tanja Marsal



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Veröffentlicht am 01.11.2020 17:38 Uhr