Aichach    

Bewegende Schicksale: Libanesischer Konsul bei Filmwoche Aichach

Aichach - Im Rahmen der Aichacher Filmwoche wurde am Mittwoch vom Rotary Club Schrobenhausen-Aichach und den Kinofreunden Aichach der Film "Capernaum - Stadt der Hoffnung" von der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki gezeigt. Als Ehrengast des Abends war der Honorarkonsul des Libanon Haytham Moawad aus München geladen. Der Film, dessen Titel "Capernaum" soviel bedeutet wie Chaos, Unordnung oder Hölle, soll auf die unerträglichen Missstände in den Armenvierteln Beiruts aufmerksam machen.


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Den libanesischen Honorarkonsul Haytham Moawad (Zweiter von rechts) hießen auf der Aichacher Filmwoche der Aichacher Cineplex-Betreiber Werner Rusch (links), der Organisator der Kinofreunde Aichach Manfred Zeiselmair (Zweiter von links) und Rotary-Präsident Stefan Lesny (rechts im Bild) willkommen. Foto: Alice Lauria


Er zeigt auf bewegende Weise die Geschichte des circa zwölfjährigen Zain, der mit vielen Geschwistern in bitterer Armut aufwächst. Seine Eltern bringen mit Tabletten gepanschtes Wasser zu den inhaftierten Söhnen, welche im Gefängnis damit versuchen, Profit zu machen. Währenddessen passen die größeren Geschwister auf die kleineren auf, und das Baby wird schon mal mit einer Kette am Fuß davon abgehalten auszubüchsen. Die Eltern wissen von ihren zahlreichen Kindern nicht mal die Geburtstage oder das genaue Alter und eine offizielle Geburtsurkunde gibt es von keinem ihrer Kinder. Als die gerade elfjährige Zahar an den Vermieter zwangsverheiratet wird und Zain alles versucht, um sie davor zu bewahren, aber kläglich scheitert, hält er es daheim nicht mehr aus.
Er versucht fortan alleine auf der Straße durchzukommen und trifft dabei auf das äthiopische Flüchtlingsmädchen Rahil, das ihn trotz eigener Armut liebevoll bei sich aufnimmt. Im Gegenzug kümmert sich Zain um Rahils rund einjährigen Sohn, während diese arbeitet. Als Arbeitsmigrantin mit abgelaufenen Papieren ist es Rahil nicht gestattet, ein Kind bei sich zu haben - würde ihr kleiner Sohn entdeckt, müsste sie befürchten, dass er oder sie beide gemeinsam zurück nach Äthiopien deportiert werden.
Eigentlich hätte das Arrangement zwischen Rahil und Zain bei aller Tragik für die drei einigermaßen funktionieren können. Als Rahil allerdings verhaftet wird, müssen die beiden Kinder in Beiruts Straßen ums Überleben kämpfen. Dass der später selbst inhaftierte Zain versucht, seine Eltern dafür zu verklagen, dass sie ihn und seine Geschwister zur Welt brachten, obwohl sie die Kinder nicht richtig ernähren konnten, umrahmt die Handlung und führt letztendlich zu einem Ende, welches im Vergleich zur Schwere des restlichen Films fast schon als bittersüßes Happy End durchgeht.
Regisseurin Nadine Labaki hat selbst eine kleine Rolle in ihrem Film übernommen. Honorarkonsul Moawad erzählte im Anschluss an die bewegenden Bilder, dass der Film im Libanon nach seinem Erscheinen 2018 einiges bewirkt habe
Man versuche das System besser zu machen, erklärte der ehrenamtliche Diplomat, aber es sei auch viel Korruption im Spiel. Aber: "Es sind verschiedene Themen angeregt worden wie zum Beispiel das Schicksal der Dienstmädchen", die häufig in moderner Sklaverei lebten, wie es Rahil im Film ergeht. "Wir sind aber noch nicht da, wo wir sein sollten", sagte der 38-jährige Libanese, der in München studiert hat und selbst Vater von zwei kleinen Kindern ist. Er selbst hat, als der Film erschienen ist, gemeinsam mit seiner Frau ganze drei Tage gebraucht, um ihn sich zu Ende anzusehen, so sehr nahmen ihn die Bilder als junger Vater mit, berichtete er.
Der Film, der 2018 bei den Filmfestspielen in Cannes den Jurypreis bekam, wurde laut Moawad in seinem Heimatland mit sehr viel Respekt aufgenommen, er nennt ihn sogar einen "Eye-Opener", also einen Augenöffner, in Bezug auf die dortigen Zustände. Haytham Moawad, der selbst aus Beirut stammt, erzählte weiter, dass der Libanon im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl in den vergangenen Jahren die meisten Flüchtlinge aufgenommen habe. Auf fast sieben Millionen Einwohner kommen über zwei Millionen Flüchtlinge.
Zain, der Straßenjunge, der im wahren Leben ebenfalls Zain heißt und ein syrischer Flüchtling ist, spielt seine Rolle intuitiv beeindruckend gut - der Zuschauer kann sich vorstellen, dass sich das fiktive und das reale Leben des kleinen Zain nicht sehr voneinander unterscheiden. Der Erfolg des Films hat ihm und seiner Familie letztendlich ermöglicht, in Norwegen ein neues Leben anzufangen, dort darf er auch eine Schule besuchen und Lesen und Schreiben lernen.
Am heutigen Freitag wird die Filmwoche mit einem Abend des Bayerischen Rundfunks fortgesetzt. Thema bei zwei Filmen sind die Wittelsbacher und das Wittelsbacher Land. Zu Gast wird Landrat Dr. Klaus Metzger sein.

Die Filme beginnen um 19.30 Uhr, am Samstag auch um 17 Uhr. Eintritt: Erwachsene zehn Euro, Kinder bis elf Jahre sieben Euro. Es wird empfohlen, Tickets online zu kaufen, da aufgrund der Abstandsregeln nicht alle Plätze im Saal belegt werden können und die Filme deshalb eventuell schnell ausverkauft sind. Infos online: filmfestival-aichach.de. Film hat im Libanon einiges bewirkt

Von Alice Lauria



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Veröffentlicht am 22.10.2020 17:23 Uhr