Aichach    

Gebissen und gewürgt

Aichach - Ein Jahr in Haft muss ein 46 Jahre alter Mann aus dem Raum Aichach, weil er den Sohn seiner ehemaligen Lebensgefährtin gewürgt und gebissen hat. Er hatte sich im Sommer zu dem Angriff auf den 16-Jährigen hinreißen lassen, obwohl er erst im Februar 2019 verurteilt worden war, nachdem er den Jungen geohrfeigt hatte. Deshalb kam es für Amtsgerichtsdirektor Walter Hell jetzt nicht in Frage, die Strafe zur Bewährung auszusetzen.


Im Flur vor dem Gerichtssaal roch es nach Alkohol, trotz Maskenpflicht. Die Frage von Richter Hell, ob er denn auch an diesem Morgen getrunken habe, empörte den Angeklagten. Er sagte, er trinke seit dem 28. Juni nichts mehr, dem Tag des letzten Vorfalls also. Außerdem sei er unschuldig. An diesem Junitag, einem Sonntag, hatte er seine Wohnungstür geschlossen und den Schlüssel drin vergessen. Also schrieb er seiner ehemaligen Lebensgefährtin, die einen Zweitschlüssel hatte, eine Nachricht aufs Handy und ging gegen 13 Uhr zu deren Haus. Über die offene Terrassentür ging er ins Wohnzimmer, wo die Frau und die gemeinsame kleine Tochter auf der Couch saßen. "Plötzlich stand er da", erinnert sich die 34-Jährige. Er habe einen Streit vom Zaun gebrochen, ob sie denn nicht ihre WhatsApp-Nachrichten lese, dann Schubladen nach dem Schlüssel durchsucht.
Der 16-jährige Sohn seiner Ex-Freundin befand sich in seinem Zimmer im ersten Stock. Als er den Streit mitbekam, befürchtete er, der Mann sei wieder einmal gewalttätig gegen seine Mutter und wollte diese beschützen. "Ich hatte einen Tunnelblick, ich wollte dich zusammenklopfen", gestand er dem 46-Jährigen Tage später - was dieser ohne sein Wissen illegal aufzeichnete. Allerdings sagte der Junge auch, dass er sich rechtzeitig wieder in den Griff bekommen habe. Er wollte den Angeklagten aus der Terrassentür schieben, fasste ihn an der Schulter, da verlor dieser den Halt und stürzte. Später stellte sich heraus, dass er 1,6 Promille Alkohol im Blut hatte. Als der 46-Jährige zu Boden ging, verpuffte die Wut des Teenagers: "Ich war erschrocken, ob ich jetzt etwas Böses gemacht habe." Er verließ den Raum, doch der 46-Jährige rappelte sich hoch, kam ihm nach und ging ihm an die Kehle. Im Gerangel biss er dem Jungen ins Schulterblatt und verletzte ihn derartig, dass er mit dem Sanka ins Krankenhaus gebracht werden musste.
Der Angeklagte behauptete hingegen das Gegenteil: Er sei angegriffen worden und habe sich nur gewehrt. Warum dann die 34-Jährige die Polizei gerufen habe, fragte der Richter. Ob er glaube, sie habe womöglich ihn beschützen wollen - oder nicht vielleicht doch eher den Sohn? Er trinke nur hin und wieder ein paar Bier, beteuerte der Angeklagte. Bei der Verhandlung Anfang 2019, als es um die Ohrfeige ging, hatte sich das noch anders angehört. Damals wurde seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt, weil er versprochen hatte, er wolle seine Alkoholsucht angehen und sich in Therapie begeben. "Das war eine Lüge", stellte Richter Hell nun fest. Staatsanwalt Burkard Weiß beantragte ein Jahr und vier Monate Haft für den gelernten Kfz-Mechaniker. Seine Verteidigerin, Rechtsanwältin Carina Grübel, plädierte auf Freispruch. Möglicherweise wolle der Sohn seiner Ex-Gefährtin ihren Mandanten nach jahrelangen Streitereien einfach in Haft bringen, meinte sie. Hell fasste sein Urteil so zusammen: "Ein Alkoholiker, der unter Bewährung steht und schlägt, gehört eingesperrt." Es gebe auch nicht den Rest eines Zweifels an seiner Schuld. Dieser habe aus 17 Vor- und mehreren Haftstrafen "gar nichts gelernt".

Von Monika Grunert Glas


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Veröffentlicht am 24.09.2020 17:22 Uhr



 
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