Aichach    

Mythos, Mut und noch viel mehr

Aichach - Was ist nun die wichtigere Nachricht? Dass der Aichacher Kunstpreis 2020 überhaupt vergeben wird? Dass der Wettbewerb und die dazugehörende Ausstellung unter den Corona-bedingt erschwerten Rahmenbedingungen qualitativ nicht gelitten haben? Eher sogar im Gegenteil. Dass es - glücklicherweise - thematisch keine Corona-Ausstellung geworden ist? Das Urteil können sich Kunstinteressierte selber bilden, bei der morgigen Verleihung des Kunstpreises um 15 Uhr im San Depot an der Donauwörther Straße und in den folgenden Wochen.


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Mit ihrer mehrteiligen, großformatigen Arbeit spielt Wicky Reindl auf die Circe-Episode in der Odyssee an. Fotos: Berndt Herrmann


"Wir wollten den Kunstpreis unbedingt durchführen", sagt Kunstvereins-Vorsitzender Werner Plöckl. Noch während des Lockdowns sah es so aus, als wäre das, wegen des langen Vorlaufs, den der Wettbewerb, die Juryentscheidungen und die Ausstellung benötigen, unmöglich. Möglich gemacht hat es die Digitalisierung. Die Künstler reichten ihre Beiträge online ein. Was zunächst kein großer Unterschied scheint, wurde doch die erste Juryrunde schon immer mit Fotos der Arbeiten durchgeführt. Dennoch, so der stellvertretende Vorsitzende Jakob Steinberger, mache es einen großen Unterschied, ob man "etwas in den Händen" halte oder anhand von an die Wand geworfenen Beamer-Projektionen diskutiere. Dazu kam: Die Debatte fand im San Depot mit Corona-Abstand statt. Auch nicht beste Voraussetzungen für einen lebhaften Austausch.
Intensive Diskussionen gab es dennoch. Erst nach mehreren Runden war sich die Jury einig. Sie bestand in diesem Jahr aus Dr. Thomas Elsen (Kunstsammlungen und Museen Augsburg), Christine Metz (Kunstpreisträgerin 2019), Beate Berndt (Kunstverein Aichach), Notburga Karl (Kunstverein und Universität Bamberg), Wolfgang Mennel (Künstler und Kurator) zusammen mit Brigit Cischek (Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Aichach-Schrobenhausen) und Bürgermeister Klaus Habermann. Am Ende fiel die Entscheidung für den Preisträger 2020 aber einstimmig.
In der Ausstellung sind in diesem Jahr weniger Arbeiten zu sehen: 28 statt mehr als 50 im Vorjahr. Das liegt aber nicht daran, dass es weniger Einsendungen gab. 227 Künstler haben ihre Arbeiten eingereicht, selten waren es mehr, nie waren sie jünger. Das ist offensichtlich ein Effekt der Digitalisierung. Weder das noch die betont luftigere, weiträumige Hängung und Aufstellung der Kunstwerke haben der Qualität aber der Ausstellung geschadet. Sie mag räumlich lockerer sein, ist aber inhaltlich dicht(er) und intensiv. Bis auf eine kleine Arbeit gibt es keinen Bezug zu Corona, zumindest keinen offensichtlichen, was angesichts der in der Regel eher dürftigen Qualität und der Plakativität tagesaktueller und - im engeren Sinn - politischer Kunst kein Schaden ist.
Stattdessen gibt es komplexe, teils leise, teils optisch spektakuläre Arbeiten, die aber durch den Freiraum um sie herum nichts erdrücken und den jeweils anderen Werken ihren Platz lassen. Insofern hat sich das Arrangement schon bewährt. Und einmal mehr ist die Kunstpreisausstellung, obwohl bayernweit ausgeschrieben, international. Künstler aus Polen, Russland oder auch China, die in Bayern studieren oder arbeiten, sind vertreten.
Zum Beispiel die aus Peking stammende Yingying Li, die seit zwei Jahren in Deutschland ist und auf einer mehr als 30 Meter langen Papierbahn (von IKEA Peking) eine tagebuchartige Collage der Zeit zwischen November 2019 und Mai 2020 erstellt hat.
Ein eindringliches und subtiles Statement zur Klimakrise wie Michael Priebes "In Erwartung" hängt dagegen fast unscheinbar in einer Ecke. Übersehen wird ein so stilles und nur auf den ersten Blick unscheinbares Werk dank der neuen großzügigen Hängung dennoch nicht. Großformatig, aber von ähnlich leiser wie eindringlicher Vielschichtigkeit ist die Malerei "Mut" der jungen Französin Anais Cousin. Was zunächst das Abbild eines depressiven Versteckens und Verschwindenwollens zu sein scheint, feiert auf den zweiten Blick den Mut, sich dem zu stellen und die Dunkelheit auszuhalten anstatt sie zu verdrängen oder zu betäuben.
Weit, sowohl räumlich in der Ausstellung, wie auch in Zeit und Kulturgeschichte, greift Wicky Reindl mit "Invasion auf Aiaia - Insel der Kirke" aus. Wie der Titel sagt, spielt sie damit auf die Circe-Episode in der Odyssee an, bei der die Tochter des Sonnengottes Helios einen Gefährten des Odysseus in ein Schwein verwandelt. Bei der "Invasion" wird daraus eine regelrechte Party der Schweine, mit denen der Mensch bekanntlich genetisch zu 90 Prozent übereinstimmt.
Einen gemeinsamen Nenner, einen Grundton, einen formalen oder gattungsmäßigen Schwerpunkt gibt es bei dieser Ausstellung nicht. Durchaus im Gegensatz zu früheren Jahren. Da waren mitunter Installationen oder Skulpturen besonders stark vertreten, es gab "Malereiausstellungen", es gab "helle" und "dunkle" Schauen. In diesem Jahr herrscht eher ein ostentativer Pluralismus, eine - unabhängig von der "Stimmung" einzelner Arbeiten - spürbare Freude daran, dass man wieder Ausstellungen kuratieren, Kunst zeigen und Kunst erfahren kann.

Die Ausstellung läuft bis Sonntag, 25. Oktober, und ist jeweils samstags, sonntags und feiertags von 14 bis 18 Uhr geöffnet sowie anlässlich der Aichacher Museumsnacht am Samstag, 10. Oktober, zusätzlich von 20 bis 24 Uhr. Während der Öffnungszeiten können auch die Besucher ihren Favoriten küren. Der mit 2500 Euro dotierte Kunstpreis wird von der Stadt Aichach und der Sparkasse Aichach-Schrobenhausen zusammen mit dem Kunstverein Aichach vergeben. Der mit 300 Euro bewertete Publikumspreis wird während der Abschlussveranstaltung um 17 Uhr vergeben. Der Eintritt ist frei. Es können maximal 80 Besucher gleichzeitig in die Ausstellung, es herrscht Maskenpflicht. Weniger Arbeiten, mehr Platz für die einzelnen Werke

Von Dr. Berndt Herrmann


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Yingying Lis über 30 Meter lange Collage.


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"Mut" von Anais Cousin.



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Veröffentlicht am 18.09.2020 16:32 Uhr



 
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