Aichach    

Den letzten Halt verloren

Aichach - Zwei Autos geklaut, auf einem Volksfest einen Maßkrug nach anderen geworfen, Polizisten auf das Übelste beleidigt, mit einem schweren Stein eine Schaufensterscheibe eingeworfen, Einkaufswagen auf der Straße aufgetürmt, die Schwester mit der Faust ins Gesicht geschlagen: Die Verlesung der Anklage gegen zwei junge Männer vor dem Aichacher Amtsgericht hatte es in sich. Auf den ersten Blick ein klarer Fall von jugendlichen Intensivtätern mit Hang zu Gewalt und Alkohol. Doch der Fall hat noch eine andere Seite, die dazu führte dass die 18 und 20 Jahre alten Brüder nach Jugendstrafrecht lediglich zu einem je einwöchigen Arrest und je 80 Stunden sozialen Hilfsdiensten verurteilt wurden.


Das hatte damit zu tun, dass sich einer der schwersten Vorwürfe in der Verhandlung als weniger gravierend herausstellte. Zwar gab es eine Auseinandersetzung auf einem Volksfest im südlichen Landkreis Aichach-Friedberg, allerdings wurde keine Person direkt mit einem Maßkrug beworfen, und ein gezielter Fußtritt an den Kopf eines Opfers entpuppte sich als ein Treffer im Gerangel, der keine gravierenden Folgen hatte.
Alle anderen Vorwürfe räumten die beiden Brüder weitgehend ein. Sie haben sich im Zeitraum weniger Wochen ereignet, einer Phase, in der die beiden offensichtlich auch den letzten Halt verloren hatten.
Sie stammen aus einer Familie mit sechs Kindern, in der sich die getrennt lebenden Eltern um das Wohlergehen der beiden Jungs wenig gekümmert haben. Als das Jungendamt auf die Fälle aufmerksam wurde, reagierte die Mutter gar nicht, der Vater erst viel später. Er wollte aber offensichtlich nur abwiegeln und keine Hilfe in Anspruch nehmen.
Der ältere der beiden Brüder lebte teilweise mit 17 Jahren schon allein, streckenweise waren beide bei der zunehmend dementen Großmutter, ehe sie auch dort wegen innerfamiliärer Zerwürfnisse vor die Tür gesetzt wurden. Mehrere Wochen waren sie obdachlos, schliefen im Auto und wurden schließlich in einer Gemeindewohnung untergebracht. Der jüngere Bruder war zwischenzeitlich so verzweifelt, dass er vor ein fahrendes Auto sprang. Der Selbstmordversuch schlug fehl, es folgte ein kurzer Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie.
Der heute 18-Jährige hat nach einem Ausschluss die Schule erst abgebrochen, dann aber doch noch den Mittelschulabschluss an einer anderen Schule gemacht und eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer absolviert. Die Jugendgerichtshilfe beschreibt ihn als freundlich und höflich, aber auch als bedrückt mit depressiver Neigung. Sein älterer Bruder empfindet die Lebenssituation als hoffnungslos. Er hat nach der Mittleren Reife zwei Ausbildungen angefangen, dann abgebrochen.

Von Carina Lautenbacher


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Veröffentlicht am 07.08.2020 17:20 Uhr



 
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