Aichach    

Gedanken, Ästhetik und Gefühle

Aichach - Wie privat ist Kunst? Antworten auf diese Frage muss jeder für sich selbst finden. Im Treppenhaus sowie in jedem Raum des charmanten Köglturms in Aichach trifft man auf sehr gegensätzliche Schöpfungen von drei Künstlerinnen: Dorina Csiszàr, Agnes Krumwiede und der Schrobenhausenerin Angelika Schweiger. Gemeinsam tragen sie ihre Art der Kunst mit dieser Ausstellung nach außen. Einerseits perfekte Harmonie, andererseits absolute Gegensätze. So unterschiedlich die Exponate in ihrer Art auch sind: Lässt man sich auf die Kunstwerke ein, wird man mitgetragen von Gedanken, Phantasie, Visionen, Ästhetik und Gefühlen...


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Gemeinschaftsprojekt der drei Künstlerinnen: Etwa 350 privat geschriebene Postkarten sind im Aichacher Köglturm installiert und können zum Teil gelesen werden. Fotos: Claudia Neumüller


Veranstalter dieser Ausstellung ist der Kunstverein Aichach im Rahmen seiner Ausstellungsreihe Wechselspiel-Spielwechsel. Vorstand Werner Plöckl freut sich: "Es ist die dritte Ausstellung dieser Reihe, die eigentlich schon im März 2020 stattfinden sollte, dann aber Corona-bedingt auf Juli 2020 verschoben wurde. Wie man sieht, arbeitet der Ausstellungsort mit den Künstlern, es wurde eine wunderbare Ausstellungssituation geschaffen."
Es ist die dritte gemeinsame Ausstellung der drei Künstlerinnen nach Ingolstadt (2018) und Schrobenhausen (2019). Die drei Freundinnen lernten sich über ihre Mitgliedschaft beim Berufsverband Bildender Künstler Oberbayern Nord und Ingolstadt (BBK) kennen. Bei einem Künstlerurlaub in Lindow (Brandenburg) haben sie gemeinsam gedruckt und sich mit verschiedenen Techniken vertraut gemacht. Angelika Schweiger hatte die Idee, sich gegenseitig selbst gedruckte Postkarten zu schicken. So ließen sie sich zwei Jahre lang per Hand gedruckte und handgeschriebene Postkarten auf dem "guten alten Postweg" zukommen. Irgendwann entstand daraus die Idee, dieses eigentlich private Sammelsurium als Gesamtkunstwerk in einer Ausstellung zu präsentieren. So entstand der Titel "Wie privat ist Kunst". Auch nachdem sie wussten, dass die Karten fremden Menschen zugänglich gemacht werden sollen, hat sich nichts an der Art und Weise des Schreibens von Freundin zu Freundin verändert. Eine der wundervollsten Mitteilungen der Kartenpost war für die Freundinnen: "Ich bin schwanger." Um die 350 private Postkarten sind im Turm installiert, einige davon kann man auch lesen.
Agnes Krumwiede ist der Meinung: "In dem Moment, wo man der Öffentlichkeit ein Bild zeigt, gehört dies auch der Phantasie aller. Trotzdem ist es natürlich auch interessant für die Betrachter, eine Geschichte zu dem Bild zu bekommen." Es gibt für sie eine Gratwanderung, wieviel gibt man von sich bekannt, und sie möchte dem Gegenüber nicht zu viel seiner eigenen Phantasie nehmen. Krumwiede malt prinzipiell mit Ölfarben, kann damit besser mit dem Untergrund spielen, weiterhin ist ihr die Art der Farbbrillanz wichtig. Sie zeigt einige sehr private Bilder von Menschen aus ihrem Umfeld. Die Künstlerin malt auf Gipsfaser, weil sie den pastelligen Ton hier sehr schätzt, und auf Holzpressplatten, inspiriert von alten DDR-Künstlern. Weiterhin arbeitet sie auf hochwertigem, gerostetem Cortenstahl. Ihr großformatiges Bild "Buchenwald" ist eine Assoziation zum KZ Buchenwald. Sie recherchiert an solchen Orten und ist auf der Suche nach Menschen, deren Schicksal sie bewegt. Diese Gedanken verarbeitet sie in ihrer Malerei. Viele ihrer Bilder haben diese Art Unterbau und teilweise ganze Geschichten als Gedankenkette. Ein weiteres, sehr intimes Gemälde von Agnes Krumwiede ist "Das Mädchen mit der Johannisbeere".
Ihre Arbeit beschreibt Angelika Schweiger als "ungegenständlich". Hauptsächlich malt sie mit Acryl, einige ihrer Gemälde hat die Künstlerin mit Öl sehr stimmig dargestellt. Sie ist sehr literaturverbunden und lässt sich davon inspirieren. Sie sagt: "Mit jedem Werk gibt man viel Intimes von sich preis." Schweiger arbeitet ohne ein fertiges Bild im Kopf zu haben, es entsteht und reift während des Malens. Ihr genügen kurze Zeiten, kreative Phasen, aus der Lust heraus Kunst zu erschaffen. Zwei ihrer Exponate ("Hand in Hand" und "Prickelnd") hat sie selbst mit hochwertigem Leinen bespannt, in einem individuellen "Unformat", einer nicht gängigen, aber ihrer "privaten Größe" 120 cm auf 86cm und 79cm auf 84cm. Der Rahmen wird angepasst. Es ist für sie eine Herausforderung, dem Standardmaß auszubrechen und sich ein eigenes Format zu schneidern.
Dorina Csiszàr aus Ingolstadt hat an der Akademie der bildenden Künste in München studiert, sie ist Nachfolgerin von Prof. Axel Kasseböhmer. Ihre Leidenschaft sind technische Bilder, die sie mit Tusche und Gelstift zeichnet. Csiszàr holt sich in alten Gebäuden und alten Fabriken immer wieder neue Inspiration. Sie experimentiert mit alten Elementen und arbeitet auch teilweise nach Vorlagen. Mit diesen Motiven bespielt sie hauptsächlich den Treppenaufgang.
Der dicke Bauch des alten Turms beherbergt viele anerkennenswerte und ansprechende Techniken und Kunstwerke, die diese aussagekräftige Ausstellung zu dem macht, was sie ist. "Mit jedem Werk gibt man viel Intimes von sich preis"

Von Claudia Neumüller

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Agnes Krumwiede hat das Bild "Das Mädchen mit der Johannisbeere" gemalt.



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Veröffentlicht am 05.07.2020 16:29 Uhr



 
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