Aichach    

Nach 22 Jahre gibt es endlich Hilfe für schwer psychisch Kranke in Aichach

Aichach - Wenn sich heute die Tür für den ersten Patienten der Institutsambulanz im alten Aichacher Krankenhaus öffnet, dann sieht es vielleicht aus wie ein ganz normaler Arztbesuch mit Überweisung, Terminvereinbarung und Beratungsgespräch. Aber es ist viel mehr: Es bedeutet eine größere Zahl von den viel zu knappen Arztterminen für schwer kranke Patienten, es bedeutet weniger Fahrerei, und es bedeutet einen weiteren Schritt auf dem Weg zu einem größeren gesellschaftlichem Bewusstsein dafür, dass Kranksein nicht nur Arthrose, Herzrhythmusstörung oder Krebs beinhaltet, sondern auch Schizophrenie, Angststörungen und schwere Depression.


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Fritz Schwarzbäcker (linkes Bild rechts) überreichte Landrat Klaus Metzger (Mitte) und dem oberärztlichen Leiter der Außenstelle des Augsburger Bezirkskrankenhauses, Dr. Andreas Gartenmaier, ein Bild, das den Titel "Gemeinsam zusammen" trägt und das von psychisch Erkrankten gestaltet wurde. Rechtes Bild: Andreas Gartenmaier ist der oberärztliche Leiter, vor Ort wird Dr. Christine Hirndorf die Leitung übernehmen. Fotos: Carina Lautenbacher


Die offizielle Eröffnung der Institutsambulanz am gestrigen Dienstag unterschied sich deshalb auch von vergleichbaren Festakten - und das nicht nur, weil der Sekt so nebensächlich war, dass ihn kaum einer anrührte. Zwar waren um die 100 Gäste anwesend, denen die Redner ihre Verdienste hätten präsentieren können. Doch sie taten es nicht. Landrat Klaus Metzger und Bezirkstagspräsident Martin Sailer überboten sich in Bescheidenheit und wiesen auf die vielen anderen Menschen hin, die in den vergangenen 22 Jahren - so lange währen die Bemühungen um eine Institutsambulanz schon - darum gerungen haben. Eine Liste, die viel zu lang ist, um sie aufzuzählen. Sie umfasst mindestens zwei Generationen Politiker im Bezirkstag, im Kreistag, etliche Mitarbeiter der Bezirkskliniken Schwaben und die Ehrenamtlichen, die sich im Verein Kennen und Verstehen engagieren. Er kümmert sich seit seiner Gründung um die Verbesserung der Betreuung von psychisch Kranken und ihrer Angehörigen. Schon im Gründungsstatut hat er die Einrichtung einer Institutambulanz zum Vereinszweck erhoben. "Es war eine Mannschaftsleistung", fasste es Metzger zusammen.
"Es ist ein Festtag für Kennen und Verstehen", sagt deshalb auch Vereinsvorsitzender Fritz Schwarzbäcker, "und das bleibende Vermächtnis von Margit Blaha". Sie hatte den Verein 1997 gegründet, auch Rupert Reitberger, lange Jahre Bezirksrat, Kreisrat und Landratsstellvertreter, gehört zu den Gründungsmitgliedern.
Zufriedenheit und Erleichterung sorgten am Dienstag dafür, dass keiner der Redner nachtarocken wollte: Wieso hat es 22 Jahre gedauert, bis an vier Tagen in der Woche von 9 bis 12 Uhr eine psychiatrische Betreuung angeboten werden kann, die das ambulante Angebot erweitert? In Schwarzbäckers Ansprache klang im Rückblick lediglich an, dass die wiederholten Ablehnungen seitens des Zulassungsausschusses "sehr intransparent" gewesen seien. Bei Klaus Metzger und Martin Sailer sorgte das für unwillkürliches Nicken. Metzger hatte zuvor schon festgestellt, dass die statistische Überversorgung der Region (von der auch bei der Ansiedlung von Fachärzten immer wieder die Rede ist) die Lebenswirklichkeit nicht spiegle. Ein Grund für die lange Dauer waren die Bedenken niedergelassener Ärzte vor einem Konkurrenzangebot.
Für den Verein Kennen und Verstehen endet die Arbeit mit der Eröffnung der Ambulanz noch längst nicht. Unter seinem Dach gibt es zwei Selbsthilfegruppen in Friedberg. "Selbsthilfe ist die nachhaltigste Hilfe", sagt Vorsitzender Fritz Schwarzbäcker im Gespräch mit der AICHACHER ZEITUNG. "Sich bekennen und gemeinsam Wege suchen", beschreibt er deren Vorteil. Denn das Sichbekennen ist noch immer schwer. Über Burnout und Depression hinaus gebe es wenig Akzeptanz für psychische Erkrankungen. Sie seien nach wie vor ein Stigma, erklärt er. Dagegen hilft nur mehr kennen und mehr verstehen.

Die Institutsambulanz ist eine Außenstelle des Bezirkskrankenhauses Augsburg. Sie befindet sich Erdgeschoss des alten Aichacher Krankenhauses (Krankenhausstraße 11). Das Sekretariat ist besetzt von Montag bis Donnerstag, 9 bis 12 Uhr, Telefon 08251/8 61 47 35.

Von Carina Lautenbacher



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Veröffentlicht am 07.01.2020 16:33 Uhr