Aichach    

Armut, die keiner sieht

Aichach - Vergangenen Monat ist das passiert, was eigentlich nicht passieren darf: die Waschmaschine von Heidelinde O. (Name von der Redaktion geändert) gab ihren Geist auf. Knapp 400 Euro hätte eine neue gekostet, Geld, das die 86-Jährige nicht hat. Woher auch? Mit den etwa 490 Euro, die sie im Monat bekommt, muss sich die Rentnerin Medikamente kaufen, ihre Versicherungen und das Essen bezahlen.


Armut, die keiner sieht
Jeden Euro zweimal umdrehen, bevor man ihn ausgibt: Altersarmut ist auch im Wittelsbacher Land ein Phänomen. Vor allem Frauen sind betroffen. Sie weisen, häufiger als Männer Lücken in ihrer Erwerbsbiografie auf.
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Heidelinde O. sitzt in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung in einem Mietshaus in Aichach. Die Möbel in dem kleinen Raum sind alt, aber sauber, die ganze Wohnung strahlt vor Reinlichkeit, kaum ein Stäubchen ist zu sehen - und das, obwohl die 86-Jährige wegen einer Fuß-Operation nicht mehr richtig laufen kann und schlecht sieht.
"Sparen? Wovon soll ich mir was auf die Seite legen?", fragt die 86-Jährige und lächelt entschuldigend. Heidelinde O. bezieht Grundsicherung. Das ist sozusagen das Hartz IV der Rentner. In ihrem Fall reicht es gerade mal so zum Leben. Vor allem zum Monatsende hin wird es für die alte Dame knapp.
"Dann gibt es halt nur Pellkartoffeln mit Quark oder Gemüseeintopf", sagt die Aichacherin und schiebt resolut hinterher: "Von meiner Mutter habe ich gelernt, dass man auch aus Nichts etwas machen kann. Was hätten wir sonst nach dem Krieg essen sollen?" O. wurde in Breslau, im heutigen Polen, geboren, sie ist ein "Flüchtlingskind". Wie bei vielen Frauen ihrer Generation weist ihre "Erwerbsbiografie Lücken auf", wie es in entsprechenden Berichten über Altersarmut gerne heißt. Dahinter steckt eine gesellschaftliche Praxis, die vor 40, 50 Jahren nicht ungewöhnlich war.
Ganz selbstverständlich blieben viele Frauen damals zu Hause, um die Kinder zu erziehen oder Angehörige zu pflegen. Wenn sie doch arbeiten gingen, war es häufig in Teilzeit und oft auch in Berufen, die schlecht bezahlt waren. Die Folge: Bei der Rente war und ist diese Generation benachteiligt. Kam bei einigen dieser Frauen noch eine Scheidung dazu, verschärfte sich die Situation für sie zusätzlich.
Heidelinde O. wünscht sich für ihre Zukunft nicht mehr viel. Gerne würde sie mit ihrer Tochter zusammen in eine Drei-Zimmer-Wohnung ziehen, "da könnte sie mich besser versorgen", sagt die 86-Jährige und lächelt. Sie weiß aber, dass das wohl nur ein frommer Wunsch bleibt. Denn auch ihre Tochter hat nicht allzu viel Geld, und eine Wohnung in dieser Größe unter 1000 Euro zu bekommen, "im Erdgeschoss oder mit Aufzug", sei in Aichach fast unmöglich.
Worauf sie sich riesig freut, ist, ihr Urenkelkind, das demnächst das Licht der Welt erblickt, zu sehen. Der Vater, ihr Enkelsohn, sei ein anständiger Junge, er ist taub, aber sehr erfolgreich im Behindertensport, erzählt die alte Dame stolz.


Benötigen Sie Hilfe? Wer sich in einer finanziell angespannten Lage befindet, mobil eingeschränkt ist und sich über ein Lebensmittelpaket freuen würde, kann sich an den Malteser Hilfsdienst wenden, Telefon: 0821/59 96 71 61. Bei älteren Menschen ohne Angehörige kommt zur finanziellen oft die soziale Armut

Von Thomas Winter



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Veröffentlicht am 13.11.2019 23:00 Uhr




 

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