Aichach    

Wegen Radarfallen: Aichacher fahren langsamer

Aichach - Geschwindigkeitsmessungen sind nur Abzocke und bringen nichts? Im Gegenteil: Die Zahlen die Ordnungsamtschef Manfred Listl am Dienstag vorlegte, widerlegen die Stammtischargumente eindrücklich. Nach zwei Jahren kommunaler Geschwindigkeitsüberwachung in Aichach ist die Zahl der Temposünden deutlich zurückgegangen; und die Stadt kassiert dabei nicht, sondern zahlt sogar drauf. Der offensichtliche erzieherische Effekt war den meisten Mitgliedern des Aichacher Bauausschusses die knapp 5000 Euro aber wert: Sie stimmten für die Verlängerung der Überwachung.


Die von der Nürnberger Wach- und Schließgesellschaft durchgeführten Messungen hatte der Stadtrat im Oktober 2017 mit 20:10 Stimmen beschlossen. Damit reagierte man nicht zuletzt auf die von Bürgern regelmäßig kritisierte Raserei, sozusagen ein Klassiker bei jeder Bürgerversammlung. Nachdem die Maßnahme bereits einmal befristet verlängert wurde, konnte Listl den Stadträten nun die Entwicklung mit Zahlen dokumentierten.
Bei den an 31 Standorten durchgeführten Messungen wurden 2018 über 48 000 Fahrzeuge erfasst, 2019 deutlich mehr: über 57 000. Dennoch ging die Zahl Verstöße zurück. Die Verwarnungen sanken von 2230 im Jahr 2018 auf 1972 im Jahr 2018, die der verhängten Bußgelder von 106 auf 71. Die Quote der Verstöße ging von 8,8 auf 7,4 Prozent zurück.
Noch deutlicher ist der Rückgang bei den schweren Tempoverstößen. Wobei allgemein gilt, dass die Autofahrer in Aichach in der Mehrheit keine schlimmen Raser sind. Der Großteil der Übertretungen bewegt sich im Bereich von bis zu zehn beziehungsweise bis zu 15 Stundenkilometern. Aber gerade in dem Bereich darüber, bis zu 20 Stundenkilometer, gingen die Fälle von 229 auf 137 besonders deutlich zurück.
Noch stärker lässt sich der Lerneffekt bei den Geschwindigkeitssünden erkennen, die zwischen 20 und 50 Stundenkilometer liegen und mit Bußgeldern, Punkten und Fahrverboten geahndet werden. Die schweren Fälle mit Überschreitungen zwischen 30 und 50 Stundenkilometern gingen beispielsweise von 14 auf fünf zurück.
Dabei lassen die Zahlen auch gut erkennen, wo besonders gerast wird. Auffallend viele Fahrverbote wurden nach Messungen in Walchshofen, Höhe Fichtenweg, ausgesprochen. Dort sind 50 Stundenkilometer erlaubt, sieben Autofahrer waren dort mit Geschwindigkeiten zwischen 85 und 93 km/h unterwegs. In Ecknach am Mitterweg wurden die erlaubten 30 km/h ebenfalls deutlich überschritten. Zu den gemessenen Spitzenwerten gehören auch die 105 Sachen, mit denen ein Auto in der Augsburger Straße in Ecknach auf Höhe des Wertstoffhofs geblitzt wurde, aber auch die 80 km/h in der Münchner Straße in Aichach.
Überraschend gering ist die Zahl der Temposünder auf den Ortsdurchfahrten. An der Spitze liegt hier die Beethovenstraße in Aichach mit einer Verstoßquote von 25 Prozent - also ein Viertel aller Autofahrer ist hier zu schnell -, gefolgt von Walchshofen mit knapp 20 Prozent.
Die Messungen zu verlängern, ist aber nicht nur sinnvoll, um das Erreichte zu sichern, es gebe auch in bestimmten Bereichen noch "erheblichen Handlungsbedarf", so Listl. Dazu zählen ausgerechnet die Straßen vor Kindergärten. Bei den Messungen dort wurden in Griesbeckerzell fast 34 Prozent Verstöße festgestellt, in Ecknach fast 33 Prozent und in Klingen 27 Prozent. Eine 34-jährige Autofahrerin raste in Griesbeckerzell mit sage und schreibe 80 Stundenkilometern durch die 30er-Zone. Etwas besser sieht es bei den Schulen aus: In der Schulstraße und der Mozartstraße in Aichach lag die Quote bei 18 beziehungsweise neun Prozent.
Diese Bilanz hat auch die Skeptiker der kommunalen Überwachung überzeugt, zumindest einige. Zweiter Bürgermeister und CSU-Fraktionschef Helmut Beck, der 2017 gegen die Messung gestimmt hat, hält sie nun "für notwendig". Die Polizei, die unabhängig von der Wach- und Schließgesellschaft weiter misst, könne das in der Dichte nicht leisten. Er stimmte im Bauausschuss aber dennoch gegen die Verlängerung, weil sie unbefristet ist. Was aber wohl auf einem Missverständnis beruht: Der Vertrag kann jederzeit mit dreimonatiger Frist gekündigt werden.
In seiner Ablehnung bestätigt sieht sich dagegen FWG-Fraktionssprecher Georg Robert Jung. Wie er erwartet habe, kämen die schlimmsten Temposünder nicht aus Aichach, sondern von auswärts. Er hält die Überwachung nicht für "die richtige Maßnahme". Neben ihm und Beck stimmte auch Erol Duman (BZA) gegen die Verlängerung. Nur Abzocke? Im Gegenteil: Die Stadt zahlt sogar drauf

Von Dr. Berndt Herrmann



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Veröffentlicht am 07.11.2019 09:36 Uhr




 

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