Aichach    

Lehrer greift in Verbandskasse

Aichach - Wie einfach und schnell ein Mensch auf die schiefe Bahn geraten kann, erleben der Aichacher Amtsgerichtsdirektor Walter Hell und seine Kollegen beinahe täglich. Drogen, Alkohol, Schlägereien - all das steht regelmäßig auf der Tagesordnung. Die Geschichte eines ehemaligen Realschullehrers aus dem Landkreis Aichach-Friedberg, der gestern innerhalb von genau zwei Monaten ein zweites Mal auf der Anklagebank in Aichach saß, ist alles andere als alltäglich.


Am 15. Mai wurde der suspendierte Lehrer und Konrektor einer Schule im Landkreis wegen der Weitergabe von Prüfungsergebnissen an den Sohn seiner Freundin zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt (wir berichteten). Gestern ging es um Untreue und einen entstandenen Gesamtschaden in Höhe von knapp 260 000 Euro. Zusammen brachte das dem Vater dreier Kinder nun eine - wie von der Verteidigung geforderte - Gesamtstrafe von zwei Jahren ein. Der Richter setzte die Freiheitsstrafe zur Bewährung aus, die sich auf drei Jahre beläuft.
Der 44-Jährige hat als Kassier eines Bezirks des Bayerischen Realschullehrerverbandes (BRLV) insgesamt 25 Mal Geld auf sein Privatkonto überwiesen. Vor Gericht ging es um knapp 183 000 Euro im Zeitraum zwischen 2014 und 2018. Es floss aber bereits davor (ab 2010) Geld auf das Konto des Lehrers. Juristisch wurden diese vier Jahre wegen Verjährung außer Acht gelassen.
Dem Angeklagten kam bei dem vergleichsweise milden Urteil einiges zu Gute: blendende Sozialprognose, keine weiteren Straftaten, neue Arbeit, Geständnis und vor allem die vollumfängliche Wiedergutmachung des Schadens (inklusive der verjährten Beträge), samt Zinsen und Anwaltskosten des Verbandes. Um das Geld zurückzuzahlen, verkaufte der 44-Jährige sein Einfamilienhaus.
Die Veruntreuung der Gelder flog erst auf, als die Weitergabe der Prüfungsergebnisse aufkam. Die Kollegen vom Verband baten darum, das Amt des Kassiers vorübergehend ruhen zu lassen. Dann kam der Betrug ans Licht. Warum vorher bei keiner Rechnungsprüfung aufgefallen ist, dass regelmäßig große Geldbeträge auf ein Privatkonto flossen, konnten die Verbandsvertreter vor Gericht nicht erklären. Aufgrund der geschickt formulierten und nicht verdächtigen Verwendungszwecke wie "Anteil Studenten", "Zuschuss Studenten" oder "Anteil Jahrbuch" sei keiner skeptisch geworden, erklärten die Zeugen.
Welche Auswirkungen all die Fehlentscheidungen im Leben seines Mandanten haben, erläuterte Verteidiger Michael Bauer: "Hier sitzt ein gebrochener Mann, der durch sein Verhalten viel erleben und durchleben musste."

Von Tanja Marsal


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Veröffentlicht am 15.07.2019 23:00 Uhr




 

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