Aichach    

Mutter und Kinder werden ohne den Vater abgeschoben

Sielenbach - Nächste Woche werden Elena und ihre beiden Kinder in die Ukraine abgeschoben. Wenn das Flugzeug in Kiew landet, wird der Vater der drei und fünf Jahre alten Kinder noch immer in Deutschland sein: Er kann wegen einer schweren psychischen Erkrankung noch mindestens ein Jahr lang nicht reisen, sich aber auch nicht allein versorgen. Zu ihren Verwandten ins immer noch umkämpfte ostukrainische Donezk kann Elena mit den Kindern nicht. Sie ist nach der Landung des Flugzeugs auf sich allein gestellt.


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Elena (links) hat die drei Jahre alte Maria auf dem Schoß. Mit ihr und dem fünf Jahre alten Petro muss sie nächste Woche in die Ukraine ausreisen. Agnes Straßer (Mitte) und Alla Moser (rechts) haben sich seit Jahren um die Familie gekümmert - auch als der Vater ein halbes Jahr lang in der Psychiatrie war. Er kann nicht reisen und bleibt alleine in Sielenbach zurück. Foto: Carina Lautenbacher


Vor dreieinhalb Jahren ist Elena, die heute 38 Jahre alt ist, mit ihrem Mann und ihrem Sohn aus dem Bürgerkriegsgebiet nach Deutschland geflohen. Die Reise endete in Sielenbach, wo Elenas Mann (42) eine Ausbildung zum Elektriker begann, sich selbst den Führerschein finanzierte und auch seinen Deutschkurs selbst bezahlt hat. Dann kam Maria auf die Welt - mit einer Herzerkrankung, die viele Behandlungen nach sich zog. Inzwischen hat sich ihr Gesundheitszustand stabilisiert, durch ihr Asthma und eine chronische Bronchitis kann er sich aber jederzeit wieder verschlechtern. Deshalb wird ein Arzt Maria auf dem Flug begleiten.
Vielleicht war die Krankheit des Mädchens zu viel für den Vater, denkt Agnes Straßer. Sie kümmert sich ehrenamtlich um die Familie und hat miterlebt, wie der freundliche und zielstrebige Mann auf einmal immer seltsamer wurde, manchmal ohne Alkohol wie ein Betrunkener wirkte oder einfach verschwand. Am Ende wurde er mit einer schizophrenen Störung ein halbes Jahr lang stationär in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Erst vor zwei Wochen wurde er entlassen und nimmt starke Medikamente, die ihn ruhig stellen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er momentan selbst kochen oder einkaufen kann", sagt Agnes Straßer. Sie erwartet, dass sich sein Zustand nach der Abreise seiner Familie noch verschlechtern wird. Ihm wird zwar eine Betreuerin zugewiesen, doch die wird die täglichen Aufgaben nicht erledigen. "Aber das interessiert einfach niemanden." So wie sich das Gericht nicht für die Situation der Familie interessiert habe und auch nicht die sogenannten Rückkehrberatungsstelle. Nach zwei erfolglosen Klageverfahren hatte Elena die Wahl: Sie unterschreibt, dass sie freiwillig ausreisen wird. Ansonsten werde sie unangekündigt von der Polizei abgeholt und zum Flughafen gebracht.
In der Politik wird von sicheren Herkunftsstaaten gesprochen, oder von geordneter Rückführung. Aber hinter diesen Begriffen stehen Schicksale. Es muss nicht jeder Geflüchtete ein Bleiberecht in Deutschland bekommen, wenn es nach Agnes Straßer geht, deren Mann Asylbeauftragter im Gemeinderat ist. "Aber warum prüft man nicht einzelne Fälle? Das macht mich manchmal richtig wütend. Als Helfer sieht man vieles anders..."
Selbst wenn der Vater der Familie eines Tages in die Ukraine nachreist: Die Medikamente, die er braucht, gibt es dort nicht, und Medikamente braucht auch Maria. Selbst in dem Teil der Ukraine, in dem kein Krieg herrscht, ist die Gesundheitsversorgung schwierig. "Es heißt, die Versorgung sei kostenlos, aber ohne Korruption geht gar nichts", sagt Alla Moser. Sie muss es wissen: Sie kam vor zehn Jahren aus der Ukraine nach Deutschland. Anfangs wurde sie zum Übersetzen hinzugebeten, seither hat sie Elenas Familie viel unterstützt.
Völlig ruhig und gefasst beantwortet Elena alle Fragen, manchmal schweift ihr Blick ins Leere. "Sie frisst alles in sich rein", erklärt Alla Moser. Elena wirkt, als habe sie die Verzweiflung längst hinter sich gelassen, manche ihrer Antworten klingen wie ein Schulterzucken. Die Caritas wird versuchen, ihr für ein oder zwei Wochen in Kiew eine Bleibe zu verschaffen. "Und was weiter", sagt Elena. Der Satz hat nicht einmal mehr ein Fragezeichen. Sie fokussiert sich ganz auf die Kinder. Der fünfjährige Petro ist ein aufgeweckter Kerl, der in dieser Woche noch den Sielenbacher Kindergarten besucht und mit Enkeln von Agnes Straßer rumtobt, als würde er ein ganz normales Kinderleben führen. Auch die zarte Maria schwirrt aus, um die Welt zu erkunden, kommt aber alle paar Minuten zurück zu ihrer Mutter und braucht deutlich sichtbar ein Übermaß an Zuwendung und Körperkontakt.
Elena hat Betriebswirtschaft studiert und vor ihrer Flucht im IT-Bereich gearbeitet. Aber wie soll sie allein mit den zwei Kindern Vollzeit arbeiten, selbst wenn sie eine Stelle findet? Es gibt durchaus Kindergartenplätze in der Ukraine - wenn man die nötige Summe auf den Tisch legt. Ihre Mutter und Großmutter leben in Donezk in einem Haus, das vom Krieg stark beschädigt ist und noch immer wird dort geschossen. "Meine Mutter will deshalb nicht, dass ich mit den Kindern komme."
Wenn Elena anfängt, Sachen in die Koffer zu packen, kommen die Kinder und packen sie wieder aus. Niemand will weg. Nicht aus Deutschland, nicht aus Sielenbach, nicht aus dem Kindergarten und nicht vom Vater. "Ich frage mich immer", sagt Agnes Straßer, "wen in Deutschland es stören könnte, dass die Familie hier bleibt." "Ich frage mich immer, wen in Deutschland es stören könnte, dass die Familie hier bleibt"

Von Carina Lautenbacher


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Veröffentlicht am 18.10.2019 23:00 Uhr




 

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