Aichach    

Stromschlag auf Baustelle: Lehrling erleidet Hirnschäden

Aichach - Ohne sein eigenes Verschulden hätten die Arbeiten an einem Gebäude im südlichen Landkreis Aichach-Friedberg im Juli 2017 einem 22-jährigen Zimmerer-Lehrling beinahe das Leben gekostet. Der junge Mann erhielt bei Dachausbauarbeiten einen starken Stromschlag am Kopf, zog sich dabei schwere Hirnschäden zu und kämpft bis heute mit den gesundheitlichen Folgen des Unfalls. Am Aichacher Amtsgericht wurde jetzt ein 49-jähriger Elektromeister wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 4800 Euro verurteilt.


Der verhängnisvolle Vorfall ereignete sich am 10. Juli 2017 im Speicherraum eines zweigeschossigen Hauses. Der junge Zimmerer-Auszubildende und seine beiden Kollegen waren mit den Arbeiten an Dachgauben beschäftigt. Dabei befand sich der heute 22-Jährige in dem spitzen Winkel zwischen Dachschräge und Boden, genauer, er lag platt auf dem Estrich, den Kopf auf die mit Aluminium-Folie umwickelte Isolierung eines Heizrohres gelegt.
Der Estrich war fünf Tage zuvor verlegt worden. Die ausführenden Handwerker meldeten dem Bauherren, dass es geraucht habe. Zudem seien "Bruzzelgeräusche" zu hören gewesen. Der Bauherr verständigte daraufhin umgehend den Elektromeister, der die elektrischen Leitungen im sogenannten Fehlboden, sprich im leeren Raum zwischen den Deckenbalken, verlegt hatte.
Vor Ort konnte der 49-jährige Angeklagte allerdings keine Auffälligkeiten feststellen. So berichtete es der selbstständige Elektromeister zumindest bei seiner Einlassung vor dem Amtsgericht Aichach. Demnach ordnete er beim Eintreffen auf der Baustelle sofort an, dass alle Arbeiter den Speicher verlassen sollen. Anschließend prüfte er mit einem Strommessgerät, ob Spannung auf der Betonplatte lag. Einen Messpunkt setzte er an die Stahlmatte des Bodens an, den anderen am Türstock zum Dachgeschoss, elektrische Spannung konnte er dabei aber nicht messen - ein Umstand, der dem jungen Auszubildenden beinahe das Leben gekostet hätte. Aber auch so hatte der Unfall für ihn verheerende Folgen.
Als ihn seine Kollegen bewusstlos am Boden auffanden, versuchten sie ihn zunächst zu reanimieren, ohne Erfolg. Der Notarzt brachte den jungen Mann ins Klinikum nach Augsburg. Dort verbrachte er sechs Tage auf der Intensivstation. Es folgten ein zweimonatiger Aufenthalt im Therapiezentrum Burgau, wo er wieder Gehen lernen musste, anschließend wurde er ein Jahr lang am Nachsorgezentrum in Augsburg behandelt. Richter Walter Hell fragte bei dem jungen Mann nach, wie es ihm heute gehe. Zwei Mal wöchentlich müsse er noch zur Ergotherapie, er habe seine Arbeit verloren, bei der er kurz vor der Abschlussprüfung stand. "Außerdem kann ich mir langfristig nichts mehr merken, ich zittere gelegentlich und kann nicht mehr Fußball spielen so wie früher."
Sein Anwalt machte deutlich, dass der Vorfall die ganze Familie des 22-Jährigen aus der Bahn geworfen habe. Zudem hat der junge Mann seit eineinhalb Jahren keine Gewissheit, ob eine Versicherung für seinen Schaden aufkommt, keinen Cent habe er bisher gesehen.
Um zu klären, wer für den Unfall letztendlich verantwortlich ist, wurde ein Experte des Bayerischen Landeskriminalamts gehört. Maximilian Schmidt vom Sachgebiet Physik erläuterte, was am Vorgehen des Elektromeisters falsch war. Dabei stellte er klar: Eigentlich ursächlich waren mindestens drei Schrauben, die die elektrischen Leitungen unterhalb des Estrich "unglücklich" getroffen haben. Wären diese sachgemäß verarbeitet worden, sprich, wären sie in die Dachbalken im Boden versenkt worden, wäre es zu dem Unfall erst gar nicht gekommen.

Von Thomas Winter


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Veröffentlicht am 03.05.2019 00:00 Uhr




 

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