Aichach    

Karate in der Gerichtsbibliothek

Aichach - Sie kommen aus Ländern, in denen gänzlich andere Rechtssysteme herrschen. Kein Wunder, wenn sie sich auch deshalb in Deutschland neu orientieren und zurechtfinden müssen. Damit Asylbewerbern das leichter gelingt, sollen Juristen sie im Rahmen eines bayerischen Pilotprojekts sozusagen in Staatsbürgerkunde unterrichten. Auch Aichacher Richter nehmen daran teil.


hell
Amtsgerichtsdirektor Walter Hell ist Karatetrainer. In der Aichacher Gerichtsbibliothek wird er im Rahmen des behördlichen Gesundheitsmanagements allen Mitarbeitern, die möchten, Selbstverteidigung beibringen. Foto: Monika Grunert Glas


Mann und Frau sind gleichberechtigt. Um dieses schon optisch auf den ersten Blick zu vermitteln, werden Aichachs Amtsgerichtsdirektor Walter Hell und Richter Axel Hellriegel immer im Wechsel gemeinsam mit ihrer Kollegin, Richterin Daniela Lichti-Rödl, die Flüchtlinge unterweisen. "Bevor 30 zu uns ins Gerichtsgebäude kommen müssen, gehen wir zu zweit in die Unterkünfte", ist Hell praktisch orientiert. Gestern Nachmittag gab es ein Treffen mit Zuständigen aus dem Asylwesen im Landratsamt, um die Termine abzustimmen.
Was die Juristen den Asylsuchenden beibringen sollen, umreißt ein Leitfaden des bayerischen Justizministeriums. Justizminister Winfried Bausback startete das Pilotprojekt des Freistaats höchstpersönlich mit einer Unterrichtseinheit in Ansbach. Vor den Asylbewerbern erläuterte der Minister Grundregeln des Zusammenlebens in Deutschland und betonte, wer nicht bereit sei, sich an diese zu halten, müsse das Land verlassen. Insgesamt war der Vortrag ein Mix aus Strafrecht und Verfassungskunde. "Da sollen wir erklären, wie man in Deutschland Verträge abschließt und Bundeskanzler wird", sagt Walter Hell und fügt an, die Unterrichtenden hätten allerdings schon die Freiheit, selbst zu entscheiden, was zu vermitteln sie für sinnvoll hielten. Die Teilnahme daran ist für die Flüchtlinge freiwillig, doch werde sicherlich darauf geachtet, dass auch die Frauen kämen. Das, was Hell und seine Kollegen zu sagen haben, wird von Dolmetschern übersetzt.
Noch keine drei Monate im Amt, zeigt sich Walter Hell als sehr engagiert. Am Augsburger Amtsgericht war er federführend für das Gesundheitsmanagement zuständig. Auch am Aichacher Gericht setzt er sich für die Fitness der Mitarbeiter ein. Geboten werden Aerobic, Massagen, Yoga und eine Frühjahrswanderung. Zudem startet nächste Woche ein Selbstverteidigungskurs. Auf diesen freut sich der Direktor ganz besonders, wird er ihn doch selbst leiten. Dort, wo die dicken juristischen Bücher stehen, in der Gerichtsbibliothek, werden demnächst mehr oder weniger laute Schreie ertönen: "Das Mentale ist bei der Selbstverteidigung das Wichtigste", weiß der erfahrene Karate-Trainer Walter Hell. Es komme weniger darauf an, zu lernen, wie man einen Angreifer ausschalten und verletzen könne, sondern vielmehr darauf, zu trainieren, die eigenen Chancen zu erhöhen, aus einer gefährlichen Situation unverletzt zu entkommen: "Da gehören Mimik und Gesten sowie selbstbewusstes Auftreten dazu." Das wird beispielsweise am Sandsack und in Rollenspielen trainiert. "Ein zehnstündiger Kurs allein bringt gar nichts", sagt Hell.

Von Monika Grunert Glas Mehr dazu lesen Sie in ihrer Donnerstagsausgabe vom 28. Januar 2016.


Ausführliche Nachrichten aus dem Wittelsbacher Land, aus Bayern und der Welt im E-Paper der Aichacher Zeitung. Hier bestellen.

Veröffentlicht am 19.05.2016 00:00 Uhr




 

Drucken   Speichern   Senden    Leserbrief