Aichach    

Eigene Notfallunterkunft statt Turnhallen

Aichach - Die Nutzung der Notfall-Erstaufnahmeeinrichtung in der Friedberger Turnhalle ist um eine Woche verlängert worden. Mit Beginn des neuen Schuljahrs kann dort aber der Sportunterricht stattfinden. Um die Unterbringung in Turnhallen künftig zu vermeiden, steht der Landkreis kurz vor einem Vertragsabschluss für ein Objekt, das künftig für solche Notlagen verwendet werden kann.


Die Erstaufnahme von Flüchtlingen findet normalerweise in eigenen Unterkünften, etwa in München und Augsburg, statt. Die Menschen bleiben dort immer nur kurze Zeit. Weil die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen ebenfalls immer wieder ausgeschöpft sind, müssen vorübergehend Turnhallen wie in Friedberg oder Markt Indersdorf bezogen werden. Darauf will der Landkreis Aichach-Friedberg reagieren: "Wir arbeiten intensiv daran, dass wir keine Turnhalle als Notfallerstaufnahmeeinrichtung mehr brauchen. Es gibt ein gutes Objekt, in dem wir eine solche Notfall-Erstaufnahme für 150 bis 200 Flüchtlinge herrichten könnten", sagte Landrat Klaus Metzger im Sommerinterview mit der AICHACHER ZEITUNG. Welches Gebäude das ist, wollte er vor Vertragsabschluss nicht verraten. "Es würde uns auch in anderer Hinsicht entlasten, weil diese Plätze dem Landkreis auf das Kontingent angerechnet werden würden."
Damit ist das Problem der Unterbringung der aktuell gut 1100 Flüchtlinge im Landkreis aber nicht gelöst, zumal mit weiteren Neuankömmlingen zu rechnen ist. Allein mit dezentralen Unterkünften ist das nicht mehr zu bewältigen. "Wir werden größere Einheiten brauchen und kümmern uns deshalb um größere Objekte, aber auch weiter um Wohnungen und Häuser. Denn gerade Familien sind in Gemeinschaftsunterkünften ganz schlecht aufgehoben." Aber auch die großen Unterkünfte sollten nicht 200 Menschen oder sogar mehr beherbergen, eher nur 100 oder 150.
Wobei das Organisieren der Unterkünfte nicht das einzige Problem ist. Die Regierung von Schwaben, die für Gemeinschaftsunterkünfte zuständig ist, findet kein Personal für die Betreuung mehr. "Die Regierung schreibt Stellen aus und es meldet sich niemand. Auch bei uns ist das teilweise so", erklärt Metzger.
In der Ausländerbehörde des Landratsamts und im Jugendamt gibt es derzeit 25 Beschäftigte, die sich mit dem Thema Asyl befassen und auch im Bauamt, wo die Genehmigungsverfahren auflaufen und der Immissions- sowie der Brandschutz geprüft werden, sorgen die Unterkünfte für erhebliche Mehrarbeit. Weitere zehn bis zwölf Stellen hält der Landrat für notwendig, wenn die Zahlen weiter so steigen.
Weil auf dem Markt fast kein Personal zur Verfügung steht, hat man sich zunächst mit Unterstützung innerhalb des Amts beholfen. Trotz alledem funktioniert die Flüchtlingsunterbringung im Landkreis Aichach-Friedberg gut. "Das hat damit zu tun, dass wir von Anfang an immer am Ball geblieben sind. Asyl war immer schon Chefsache." Diejenigen, die heute größere Schwierigkeiten hätten, hätten das Thema als Landrat oder Bürgermeister eben nicht zu ihrer Sache gemacht. "Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht auch hier irgendwann Schwierigkeiten bekommen können. Doch dass es bislang gut läuft, hat sicher auch damit zu tun."
Sorge bereiten dem Landrat langfristige Fragen wie die Unterbringung derjenigen Asylbewerber, die in Deutschland bleiben dürfen. "Wenn irgendwann ein Aichacher oder Friedberger Hartz-IV-Empfänger mit einem anerkannten Flüchtling um eine Wohnung konkurriert und letzterer die Wohnung bekommt, dann gibt es vielleicht ein Problem." Allerdings eines, auf das auch Metzger keine Antwort weiß. Selbst über das bestehende Maß hinaus im sozialen Wohnungsbau aktiv zu werden, ist aus finanziellen Gründen nicht drin. In der Kreis-Wohnbau wird zumindest ein Teil der Wohnungen für Flüchtlinge reserviert.
"Man hätte vor Jahren schon Sozialwohnungen bauen müssen, da ist der Freistaat Bayern in der Pflicht. Dass der soziale Wohnungsbau runtergefahren wurde, ist fatal - nicht nur hinsichtlich der Asylbewerber, sondern auch hinsichtlich der eigenen Bevölkerung. Das holt man auch so schnell nicht mehr auf."
Von Bund und Freistaat erwartet Metzger mehr Geld, "weil ich nicht einsehe, dass wir auf den Kosten sitzen bleiben". Außerdem bleibt er dabei, dass die Betreuung ebenfalls in die Verantwortung der Landkreise gehöre, nicht in die der Sozialverbände. Das nicht umzustrukturieren, nennt er einen Kardinalfehler. "Das hat nichts damit zu tun, dass die Caritas die Arbeit nicht gut erledigt, aber wir hätten viel schneller reagieren können. Weil wir in der Sache drin sind, weil wir vor Ort sind, und weil wir das ganz anders aufziehen könnten." Das bedeute keineswegs, dass man nicht mit den Sozialverbänden zusammenarbeiten wolle und könne.

Das komplette Sommerinterview mit Landrats Metzger gibt es in der Samstag-Ausgabe der Aichacher Zeitung.

Von Carina Lautenbacher und Dr. Berndt Herrmann


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Veröffentlicht am 05.09.2015 12:00 Uhr



 
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