Der Jahresrückblick 2023 der Aichacher Zeitung
Veröffentlicht am 16.10.2022 13:45

Das Lernen wieder lernen

Die diesjährigen Psychiatrietage sind am Wochenende mit einem Theaterabend erfolgreich zu Ende gegangen. Das „Musik-Theater-Inklusiv“ präsentierte “Kleine Zwischenfälle“ aus dem aktuellen Stück „Nehmen Sie die Untersuchungspille nach Daniil Charms“. Der Abend gab Einblicke in Arbeit des Ensembles, bei dem Menschen mit und ohne psychischen Erkrankungen gemeinsam spielen.

Fritz Schwarzbäcker, der Vorsitzende des veranstaltenden Vereins „Kennen und Verstehen“, war mit dem Verlauf der insgesamt sechs Veranstaltungen sehr zufrieden. Alle seien gut besucht gewesen und es seien einige Diskussionen in Gang gekommen. Ziel der Vereins ist es, psychische Erkrankungen zum Thema zu machen, zu informieren und Vorurteile abzubauen.

Die vorletzte Veranstaltung heuer war eine Podiumsdiskussion zum Thema „Aus dem Lockdown zurück ins Leben – was brauchen Kinder jetzt?" Gekommen war Uwe Schäfer, der leitende Psychologe des Josefinums in Augsburg. „Die Kinder und Jugendlichen brauchen heute einen strukturierten Tagesablauf, in denen Anforderungsphasen und Entspannungsphasen klar voneinander abgegrenzt sind“, so Schäfer, sie bräuchten wieder mehr soziale Kontakte. Im Verlauf der Pandemie sei im Josefinum eine Veränderung bei den Krankheitsbildern zu bemerken gewesen. So seien häufiger Kinder mit extremem Medienkonsum, starker Gereiztheit und aggressivem Verhalten aufgenommen worden. Bei der Wiedereröffnung der Schulen sei es kontaktschwächeren Schülern schwer gefallen, sich einzufinden. Sie hätten Ängstlichkeit aufgebaut und Depressionen bis hin zu Selbstmordgefährdung. Auf der Suchtstation sei aufgefallen, dass die Patienten jünger geworden sind. Schulschwierigkeiten bestünden noch. Schäfer betonte, dass wir uns noch in der Pandemie befinden, war aber zuversichtlich, dass die Normalität zurückkehrt.

Elisabeth Puusep, Familientherapeutin bei der Familienberatung des Landkreises, berichtete, dass durch die Pandemie bestehende Probleme verschärft wurden. Das ständige Zusammensein hätte nicht gutgetan. Panikattacken, Angststörungen, Verweigerungshaltung, Depressionen bis hin zu Suizidalität seien gestiegen. Ihre Aufgabe heute: „den Familien das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind“. In der Schule gehe es darum, Lernerfahrungen nachzuholen. Der Fokus sollte jedoch auf den sozialen Aspekten liegen. Klassenfahrten und andere Aktionen sollten wieder gemacht werden.

Victoria Krogmann, eine Pflegekraft und Elternbeirätin an der Grundschule Kissing berichtete von eigenen Erfahrungen. Ihre Kinder seien direkt nach der Einschulung ins Homeschooling gegangen. Technische Probleme hätten die Erstklässler nicht gehabt. Für die anderen Grundschulklassen seien Übergabeplätze im Ort vereinbart gewesen, wo zusätzlich Arbeitsmaterialen ausgegeben wurden. Die vierten Klassen hätten Wechselunterricht gehabt. Ihre Forderung: „Heute brauchen die Kinder individuelle Förderung durch die Schule, so dass Lücken wieder aufgeholt werden können." Die Kinder sollten weniger und leichtere Hausaufgaben bekommen, um Übungsmöglichkeiten zu haben.

Wie Schüler das selbst sehen, erklärten die Kissinger Schülervertreter Annabella Kornacki, Marina Stöckl und Justin Herdwig. Sie sahen die Pandemie differenziert. Mehr Freizeit stand einigem Druck gegenüber, wenn der Computer nicht funktionierte, sich mehrere Geschwister ein Gerät teilen mussten, Termine für Videokonferenzen oder Abgabetermine eingehalten werden mussten. Die langen Zeiten am Computer und am Handy seien ermüdend gewesen. Selbstständiges Lernen, freie Zeiteinteilung und weniger Mobbing seien positiv aufgefallen. Die Wünsche der drei Schülersprecher wären: Das Wegfallen der Maskenpflicht auch in Bus und Zug, weniger lüften und mehr heizen, wieder mehr Schulveranstaltungen. Wenn erneute Maßnahmen nötig würden, hätten sie gerne Wechselunterricht.

north