Seit Anfang September vergangenen Jahres gibt es im Bistum Augsburg eine sogenannte „Queersensible Pastoral”. Gemeint ist damit die Anlaufstelle für queere Menschen und deren Angehörige und Freunde. Für Menschen also, die nicht heterosexuell sind beziehungsweise deren Geschlechtsidentitäten nicht binär sind. Ansprechpartner ist Andreas Ihm. Der 46-jährige Pastoralreferent ist selbst katholisch und schwul. Ihm Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, wie er queeren Menschen sowie deren Angehörigen und Freunden hilft und wie er die neue Grundsatzerklärung des Vatikans zur Segnung von „Paaren in irregulären Situationen und gleichgeschlechtlichen Paaren” einordnet.

AZ: Herr Ihm, wie schaut Ihr Alltag an der neu geschaffenen Planstelle aus?
Andreas Ihm: Im Moment steht vor allem noch das Kennenlernen der vorhandenen, unterschiedlichen queeren Gruppen im Vordergrund. Da geht es darum, mich mit ihnen zu vernetzen, zu schauen, wo man gemeinsam etwas organisieren und bewegen kann. Es gab auch schon viele Gespräche mit queeren Menschen und deren Angehörigen.

AZ: Wie ist Ihr persönliches Hauptanliegen als Queer-Beauftragter?
Andreas Ihm: Kirche als einen Ort erlebbar zu machen, in dem jeder Mensch, egal ob queer, coloured, mit Einschränkung oder nicht, willkommen geheißen wird. Nicht nur auf dem Papier, sondern als gelebte Kirche mit all ihrer Vielfalt.

AZ: Um welche Themen ist es in den vergangenen viereinhalb Monaten speziell queeren Menschen bei den Gesprächen mit Ihnen gegangen?
Andreas Ihm: Um private Situationen.

AZ: Ein, zwei Beispiele?
Andreas Ihm: Wie könnte das Umfeld auf mein Outing reagieren und wie kann ich damit umgehen? Oder wie Glaube und Queerness zusammenpasst. Bin ich von Gott gewollt oder lehnt er mich ab? Wo finde ich Anschluss an bestimmte Gruppen, wo bekomme ich weitere Hilfe? Deshalb ist es auch so wichtig, die unterschiedlichen Player zu kennen, die es ja bereits gibt.

AZ: In der neuen Grundsatzerklärung des Vatikans vom vergangenen Oktober geht es ja mit ausdrücklicher Genehmigung von Papst Franziskus darum, dass gleichgeschlechtliche Paare und Geschiedene mit neuem Partner nun doch gesegnet werden dürfen. Wie war Ihre erste Reaktion darauf?
Andreas Ihm: Es war für mich zunächst überraschend, dass solch ein Papier nach dem bis dato letzten Schreiben von 2021 mit damals anderer Botschaft kam. Aber natürlich hat das bei mir erstmal Vorfreude und Begeisterung ausgelöst, dass so etwas nun möglich ist. Wenn man dann aber das Kleingedruckte liest und auch die letzte Erläuterung dazu, macht sich Ernüchterung breit.

AZ: Inwiefern Ernüchterung?
Andreas Ihm: In Deutschland sind wir durch die Beschlüsse des Synodalen Weges viel weiter als das, was das Papier hergibt.

AZ: Was hätten Sie sich vor diesem Hintergrund gewünscht?
Andreas Ihm: Vor allem eine menschenfreundlichere und zugewandtere Wortwahl im Text.

AZ: Was zum Beispiel?
Andreas Ihm: Gerade die Titulierung „irreguläre Beziehungen“ löst in mir großen Widerstand aus, weil es ebenda um eine Abwertung, wenn nicht sogar Diskriminierung von Beziehungen geht, die eben nicht einer kirchlichen Eheschließung unterliegen: neben gleichgeschlechtlichen Beziehungen und Geschieden-Wiederverheirateten auch Beziehungen ohne kirchlichen Trauschein. Bei mir entsteht der Eindruck, dass hier moraltheologisch keine wirkliche Weiterentwicklung stattgefunden hat. Da würde ich mir einfach mehr Mut und Vertrauen des Vatikans in die Menschen vor Ort wünschen.

AZ: Für Sie ist diese neue Möglichkeit also nicht weitreichend genug ausgefallen…
Andreas Ihm: …gerade die Wertschätzung und Akzeptanz anderer Beziehungsformen hätte herausgearbeitet werden müssen. Auf der anderen Seite die Reduzierung und Geringschätzung gleichgeschlechtlicher Beziehung auf Sexualität und Nicht-Fortpflanzungsfähigkeit. Was völlig fehlt, das ist die verantwortete Partnerschaft, Liebe und Zuneigung, die in jeglicher Partnerschaft vorhanden ist, die vielmehr herausgestellt gehört. Beziehungen sind mehr als Sexualität und Fortpflanzung.

AZ: Und was ziehen Sie konkret an Positivem heraus?
Andreas Ihm: Dass der Segen grundsätzlich nicht verwehrt werden darf und dass auf jegliche Form der Diskriminierung von Personen beispielsweise in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften verzichtet werden muss.

AZ: Die Segnung darf nicht während des Gottesdienstes sein und keinesfalls den Anschein erwecken, es handle sich um ein eheähnliches Sakrament. Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen bisher damit?
Andreas Ihm: Bisher habe ich noch keine konkreten Erfahrungen, habe aber viele Gespräche mit Pfarrern und Hauptamtlichen in der Seelsorge geführt. Was die Form angeht, muss jetzt geschaut werden, wie eine Umsetzung konkret möglich ist. Dazu benötigt es etwas Zeit und gutes Gespür. Da werden noch einige Gespräche im Bistum laufen müssen, wie eine solche Vorgabe umgesetzt werden kann.

AZ: Was ist da aus Ihrer Sicht besonders wichtig?
Andreas Ihm: Dass das kein Hopplahopp-Segen wird, sondern würdevoll und den Menschen, die darum bitten, entspricht und anspricht. Da kann solch ein Segen auch mal länger dauern als die Zeitvorgabe von zehn oder fünfzehn Sekunden.