WM-Starter Rentsch: „Einmal die Hymne nur für mich“
Aichach – Nach der Senioren-Weltmeisterschaft der Leichtathleten im Juli 2009 in Lahti hat Walter Rentsch überlegt aufzuhören; wie es viele Sportler tun auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn. Rentsch, 56, hatte in Finnland in der M 55 Silber gewonnen über 1500 m, knapp geschlagen vom Puertoricaner Jorge Ortiz Rivera. Über 800 m war der Vierter geworden. Den Gedanken ans Karriereende hat der Oberbernbacher aber schnell wieder verworfen. „Einmal auf dem Stockerl ganz oben stehen und die deutsche Nationalhymne hören, die nur für mich gespielt wird“, war sein Beweggrund weiterzumachen. Auf der Jagd nach Gold wird der frisch gebackene deutsche Hallenmeister über 800 m in der nächsten Woche zusammen mit Rudi Schlämmer, seinem Gefährten vom LC Aichach, bei der Hallenmeisterschaft der Senioren im kanadischen Kamloops an den Start gehen.
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Sorgen, ob er auf den Spuren der Olympioniken mit seiner Frau Marlies und Schlämmer am Sonntag überhaupt mit der Lufthansa über München, Frankfurt und Calgary nach Vancouver kommt, muss er sich nach dem Streikende der Kranich-Piloten nicht mehr. In Vancouver werden die drei ein Auto mieten und ins 400 Kilometer nordöstlich gelegene Kamloops fahren, in dem sie in einem Holtel unweit der Halle Quartiert beziehen.. „Tournament Capital of Canada“ (Turnierhauptstadt Kanadas) wird die 90 000-Einwohner-Stadt in der Provinz British Columbia genannt angesichts einer Vielzahl von sportlichen Wettbewerben übers Jahr.
Kamloops ist für Rentsch eine weitere große internationale Herausforderung. In der M 55 (55 bis 60 Jahre) wird er über 800 und 1500 m auf erlesene Konkurrenz treffen. Der Kanadier Francois Martel, amtierender Weltmeister über 800 m, ist dabei, sowie der US-Amerikaner Stephan Chantry, der über 800 m mit 2:08,12 Minuten die schnellste gemeldete Zeit aufweist. Rentsch war in Lahti über die zwei Stadionrunden 2:10,17 unterwegs, über die 1500 m 4:25,89. Mit diesen Zeiten, sagt Rentsch, sei er in Deutschland auch bei der M 50 vorne.
Die Vorbereitung auf die mondialen Titelrennen war für Rentsch äußerst widrig. Auch er war ein Opfer des hartnäckigen Winters. Die monatlich 300 Kilometer bei sechs Mal Training in der Woche konnte er diesmal zu Fuß nicht wie gewohnt in den Wäldern herunterspulen, sondern musste auf Teerstraßen ausweichen. Rentsch kommt bei diesem enormen zeitlichen Aufwand entgegen, seit einem Jahr pensioniert zu sein. „Würde ich noch arbeiten, könnte ich das nie machen“, räumt er ein.
Unterm Dach lief Rentsch in dieser Hallensaison bis dato nur einmal; das war vor eineinhalb Wochen bei der „Deutschen“ in Sindelfingen, bei der er seinen ersten nationalen Hallentitel und den siebten insgesamt über die Mittelstrecken holte. Bayern ist hallentechnisch für Leichtathleten Diaspora. Es gibt nur zwei tauglichen Arenen: in Fürth und in München. Als Rentsch vor ein paar Wochen in Fürth einen Wettkampf bestreiten wollte, kam er auf der Autobahn wegen Staus nur bis Denkendorf; und die Werner-von-Linde-Halle im Olympiapark, klagt er, sei, um zu üben, für Amateure mittlerweile unerschwinglich teuer. Das Training auf die WM hin sei demnach für ihn „alles andere als optimal“ gewesen, bekundet er. Also wird er seinen ersten Vorlauf am Dienstag (die Wettbewerbe beginnen am Montag) noch als Vorbereitung sehen. Rentsch wird sich in Kamloops auch erst an die für Nordamerika typische 200-m-Bahn mit flachen und nicht wie in Europa üblich überhöhten Kurven gewöhnen müssen.
Globale oder kontinentale Leichtathletik-Meisterschaften der Senioren sind riesige Sportereignisse. Die letzte Hallen-EM in Ancona, bei der Rentsch Dritter über 1500 m wurde, zählte 6000 Teilnehmer, in Lahti waren es noch etwas mehr. Ein Grund für den großen Zuspruch ist, dass der Sportler auf der internationalen Bühne anders als für den Start bei der deutschen Meisterschaft keine Norm erfüllen muss. So kommt es, dass mancher „Leichtathletik-Tourist“ im Feld zu finden ist. In der Konsequenz, weiß Rentsch, seien internationale Wettbewerbe deshalb „in der Breite schwächer besetzt“. Anders in der Spitze. „Es geht bei uns so intensiv und verbissen zu wie bei den 25-Jährigen, nur halt etwas langsamer“, sagt Rentsch.
Anders als bei Rentsch sind Schlämmers Ziele viel bescheidener. Der Kühbacher, 66, der schon den New York Marathon gelaufen ist, hat in der M 65 auf den Mittelstrecken den Endlauf im Visier, wenn möglich mit persönlicher Bestzeit.
Mit 82 ist die Anzahl der deutschen Teilnehmer in Kamloops relativ gering. „Viele werden die hohen Kosten scheuen“, glaubt Rentsch, „wir starten zwar als deutsche Nationalmannschaft mit den entsprechenden Trikots, aber als selbst zahlende.“ Über den Deutschen Leichtathletikverband sei die Anmeldung gelaufen, finanziell indes beteilige sich der Verband nicht, mal abgesehen davon, dass er sechs Betreuer mitschickt. Damit sich die weite Reise an die kanadische Pazifikküste auch rentiert, werde er mit seiner Frau zwei Wochen Urlaub in der Umgebung von Vancouver dranhängen, sagt Rentsch.
Durch seine Frau Marlies, die er vor zehn Jahren kennen gelernt hat, ist der gebürtige Dinkelscherbener von Bobingen aus nach Oberbernbach gekommen. 2003 hat er sich dem LC Aichach angeschlossen. Während seines Studiums der Nachrichtentechnik in Darmstadt vor gut dreißig Jahren startete Rentsch für Darmstadt 98 und Eintracht Frankfurt. Aus jener Zeit stammen seine Bestzeiten, die sich auch heute noch sehen lassen können: 1:50 Minuten über 800, 3:45 über 1500 m.
Nach der Hallen-WM in Kamloops hat Rentsch schon das nächste Ziel vor Augen. Im Sommer will er bei der Europameisterschaft in Ungarn nach Edelmetall greifen.
Von Heribert Oberhauser
Veröffentlicht am 23.02.2010 16:49 Uhr
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