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Stephan Mägele spielt E-Rolli-Hockey im Nationalteam

Petersdorf – Sport ist für Stephan Mägele wichtig. Er ist bei fast jedem Heimspiel des FC Bayern München dabei und er spielt Hockey. Sogar so gut, dass er mit der deutschen Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft teilgenommen hat. Das Besondere: Der Petersdorfer leidet an einer Muskelkrankheit und sitzt im Rollstuhl, den er nur mit einem Joystick bedienen kann.

<p>Blocker im Rolli </p>

Seit seiner Kindheit leidet der junge Mann, 22, an der Erbkrankheit, die zu einem Schwund der Muskeln führt. Die Krankheit, die festgestellt wurde, als er drei Jahre alt war, ist fortschreitend, nachts braucht Mägele mittlerweile ein Atemgerät.

Im Gespräch macht der junge Mann aber nicht den Eindruck, als würde er mit seinem Schicksal hadern. „Mir geht es gut“, sagt er und spricht mit Begeisterung von seinem Sport und den Erfolgen: Mit dem Munich Animals, die zum TSV Forstenried gehören, spielt er in der Bundesliga. Mit ihnen war er in den vergangenen Jahre zwei Mal Vize- und einmal Deutscher Meister. Bereits vor zwei Jahren gehörte er mal zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft, in diesem Jahr erfolgte die Berufung in das Team, das bei der Weltmeisterschaft antrat. Bei der WM, die im Sommer in München stattfand, wurde die deutsche Auswahl mit Mägele Fünfter. „Wir haben uns ein bisschen mehr erwartet“, sagt Mägele selbstbewusst. Immerhin holte Deutschland vor vier Jahren den Titel. „Gewonnen haben die Holländer. Dort wird der Sport besser gefördert, die haben mehr Geld“, erzählt der WM-Teilnehmer und spricht damit ein wichtiges und schwieriges Thema an. Denn Behindertensport kostet Geld. Viel Geld.

Den größten Teil davon tragen die Eltern Anita und Erwin Mägele. „Allein der Sportrollstuhl kostet 15 000 Euro, zwei neue Reifen 450 Euro“, rechnet Mutter Anita vor. Dazu kommen Fahrtkosten und die Betreuung, denn alleine kann Stephan den Rollstuhl nicht wechseln und braucht auch sonst einen Betreuer. Zumindest in der Nationalmannschaft ist eine Betreuungsperson frei, in der Bundesliga übernimmt der Verein die Fahrtkosten und die Unterkunft. Bleibt der große Rest.

So gebe es immer wieder Diskussionen und Verhandlungen mit Krankenkasse und Behörden, die auch schon mal vor dem Sozialgericht enden, sagt die Mutter. Wie etwa gerade, weil der Sportler eine Handheizung für seinen Rollstuhl braucht, die Kasse die 1000 Euro Kosten aber nicht übernehmen will. Für die Eltern ist es keine Frage, dass sie ihrem Sohn den Sport ermöglichen: „Er soll machen, was ihm Spaß macht. Was keinen Spaß macht, machen wir“, sagt die Mutter.

Dass es um weit mehr als bloßen Spaß geht, wird deutlich, wenn Stephan Mägele mit großer Begeisterung über seinen Sport spricht und dem Nichteingeweihten die Eigenheiten des E-Rolli-Hockeys erklärt. Denn das ist natürlich die Frage: Wie spielt man das überhaupt? Vor allem, wenn man wie Stephan Mägele keinen Hockey-Schläger halten kann?

Eine Mannschaft besteht aus einem Torwart und vier Feldspielern. Die Behinderung jedes Spielers wird mit Punkten bewertet: Ein Fünf-Punkte-Spieler ist relativ wenig eingeschränkt. Mägele hat einen Punkt. Die Gesamtpunktzahl einer Mannschaft darf zwölf nicht überschreiten, außerdem muss in jeder Mannschaft ein Spieler mit einem Punkt und einem festen Schläger sein. So soll gewährleistet werden, dass die Mannschaften einigermaßen ausgeglichen sind.

Aber wie spielt nun ein Spieler wie Mägele, dessen Schläger fest am Rollstuhl befestigt ist? „Viele Tore mache ich nicht“, sagt der Petersdorfer durchaus mit einem Schmunzeln, „ich habe andere Aufgaben.“

Mägele spielt als sogenannter Blocker. Als solcher hat er vor allem defensive und taktische Aufgaben. Der Blocker soll gegnerische Spielzüge und Pässe verhindern, die Fahrwege der Mitspieler frei-sperren oder die der Gegner blockieren. Dabei dürfen sich die Rollis nicht berühren, sonst pfeift der Schiedrichter Foul. Für Mägele heißt das, dass er das Spiel „lesen“ muss, Pässe voraussehen, ahnen, wohin sich der Gegner verlagert, und er muss die Löcher stopfen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die im Kopf anstrengt. „An einem Bundesliga-Spieltag haben wir mehrere Spiele hintereinander. Danach bin ich im Kopf richtig leer“, berichtet der Roll-Hockey-Spieler. Ein Spiel dauert zweimal 15 Minuten, international zweimal 20 Minuten.

Und manchmal ist der Kopf nicht nur leer, sondern tut auch weh. Denn natürlich gibt es Kollisionen, hin und wieder bekommt man auch einen Schläger ab und fährt mit dicker Lippe nach Hause. Aber da ist egal. „Der Sport ist wichtig“, sagt der Petersdorfer.

Aber weil Mägele nicht jeden Tag selbst Sport machen kann, ist er so oft wie möglich Gast beim FC Bayern. Der sei sehr behindertenfreunlich, lobt Anita Mägele, auch wenn ihr Sohn dem alten Olympiastadion oder auch dem Rosenaustadion in Augsburg nachtrauert. „Da waren wir viel näher an den Spielern dran. Die kannten uns Rolli-Fahrer zum Teil schon, haben mit uns gejubelt oder uns Trikots geschenkt“, erinnert er sich. Mit einem ehemaligen Augsburger Profi ist der Hockey-Spieler bis heute befreundet.

Die Woche verbringt Mägele in einem Wohnheim in München, wo er auch betreut wird und am Computer Bilder für Kalender, Postkarten und Poster entwirft. Gerade ist die Familie dabei, eine eigene Wohnung und eine 24-Stunden-Betreuung für ihn zu organisieren. Das ist möglich, bedeutet aber wieder viel Schreibkram, Gespräche mit Behörden und einen mühseligen Marsch durch den Zuständigkeits-Dschungel.

Von Dr. Berndt Herrmann

Die Höhepunkte der Woche sind und bleiben für Stephan Mägele aber die Trainingsstunden und die Bundesliga-Spieltage. In zwei Jahren sind Europameisterschaften. Ob er dann wieder für das deutsche Team blocken kann, hängt auch davon ab, ob die Krankheit „mitspielt“.

<p>Blocker im Rolli </p>


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Veröffentlicht am 22.05.2015 23:01 Uhr




 

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