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Boxerin Tina Rupprecht: Karrieresprungbrett Kühbach

Kühbach - Tina Rupprecht schenkt Kaffee ein. Mit zwei Tassen kehrt sie an den üppig gedeckten Tisch zurück, an dem sich die Boxerin zwischen ihrem Trainer und ihrem Manager auf der mit grünem Stoff überzogenen Eckbank niederlässt. Heimelig ist es gestern Vormittag im Sportheim des TSV Kühbach. Und irgendwie passt das ja auch, steht der Kampf am 15. Dezember doch frei übersetzt unter dem Motto "Der Champ kehrt nach Hause zurück". In der umfunktionierten Halle der Stockschützen errang Rupprecht vor fast genau einem Jahr das Recht, um den WBC-Weltmeistertitel im Minimumgewicht (bis 46,266 Kilo) zu boxen, den sie sich im Juni in München gegen die Costaricanerin Yokasta Valle sicherte. Nun will die 26-Jährige mit dem Kampfnamen "Tiny Tina" den Gürtel verteidigen.

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Im März hat Rupprecht ihr Staatsexamen bestanden. Lehramt für Grundschule. Statt als Referendarin in einem Klassenzimmer steht sie seit Schuljahresbeginn aber nahezu täglich im Boxring. Dort erwartete sie keine Horde Schüler, sondern Sparringspartnerinnen aus Osteuropa. "Groß, klein, Rechtsausleger, Linksausleger, Draufgänger, Konterboxer", beschreibt die 26-Jährige. Der Grund für diese variablen Eigenschaften ihrer Testgegnerinnen: Über die Herausforderin, die Venezolanerin Niorkis Carreno, ist kaum etwas bekannt.
"Wir haben das Internet auseinandernehmen lassen und haben trotzdem nichts gefunden", sagt Alexander Petkovic, Chef von Rupprechts Vermarkter "Petko's Boxpromotions". Neben dem geselligen Koloss, der keine Gelegenheit auslässt, einen Spruch über seine eigene Leibesfülle anzubringen, sieht die 1,53 Meter kleine Rupprecht noch zierlicher aus. Das täuscht, Rupprecht ist topfit, hat sich acht Wochen lang intensiv auf den Kampf vorbereitet. Einer Trainingspartnerin aus Bulgarien brach sie im Sparring die Nase. "Sie hat gesagt, sie kommt wieder", versichert die Boxerin lächelnd. "Normal, dass was bricht oder platzt", kommentiert Trainer Alexander Haan lapidar.
Die Stimmung ist gut im Lager. Rupprecht wirkt entspannt, posiert mit einem Schokoladen-Nikolaus, gibt geduldig Interviews und präsentiert ihre Armmuskulatur. Sie ist optimistisch, sagt, sie habe durch den Interims-Titelgewinn vor fast genau einem Jahr an selber Stelle gegen die Französin Anne Sophie da Costa an Erfahrung gewonnen, sei im Ring noch sicherer. Ob sie im Gegensatz zu damals nicht etwas zu verlieren hätte? "Ich bin im Ring immer die Jägerin", entgegnet Rupprecht selbstbewusst.
In der Nacht vor ihrem ersten Kampf überhaupt habe sie sehr schlecht geschlafen. Mehr als fünf Jahre ist das nun her. Heute ist alles anders. "Ich weiß jetzt wie's läuft", betont die Weltmeisterin. Dass ihre unbesiegte Herausforderin aus Südamerika sieben ihrer bisherigen neun Kämpfe durch K.o. entschieden hat, wird Rupprechts Nachtruhe ebenfalls nicht stören. "Sie hat auch nur zwei Arme und zwei Beine", befindet die Augsburgerin. Zumal es selbst im Profigeschäft keine Seltenheit sei, dass man erst im Ring erfährt, wer einem da eigentlich genau gegenübersteht. Ähnlich verhielt sich das ja schon mit da Costa.
Rupprecht hebt außerdem den Heimvorteil hervor. Sie schwärmt von der "supergeilen Stimmung" im Sportpark. Rund 1000 Besucher kamen damals. Dieses Mal soll die Halle der Stockschützen bis zu 1600 Zuseher fassen, weil der VIP-Bereich kleiner gehalten wird. 80 Prozent der Karten seien bereits vergriffen.
Vermarkter "Petko's" war 2017 noch nicht dabei, mit dem Promoter soll alles noch professioneller werden. Der TSV Kühbach stellt letztlich nur mehr die Halle bereit, wofür Stockschützenchef Anton Stadlmair "eigentlich ganz dankbar ist", wie er sagt, bedeutete es doch einen enormen Aufwand für den Verein, die Veranstaltung im vergangenen Dezember auszurichten.
Dieses Jahr ist mehr Lametta. Verspricht jedenfalls Petkovic. Er spricht von "Champions League" und "High Class" im deutschen Boxsport. Bessere Technik, Sänger und roter Teppich samt Prominenter wie Sternekoch Alfons Schuhbeck oder Ex-Profiboxer Arthur Abraham.
Aus sportlicher Sicht sind die elf Kämpfe hochwertiger besetzt. Etwa mit Nick Hannig, den Petkovic als "K.o.-Maschine" ankündigt. Oder mit Leon Harth, Europameister im Halbschwergewicht. Weil der aus Armenien stammt, wird die Boxnacht sogar im Kaukasus-Staat live übertragen. Im deutschen Fernsehen ist die Veranstaltung über einen Smart-TV via HBB zu sehen. Unter anderem Sat 1 bietet diese Option an. Eine spezielle 360-Grad-Kamera filmt zudem den Einmarsch von Rupprecht, so dass TV-Zuseher, die eine Virtual-Reality-Brille besitzen, den Gang in die Halle sehen, wie ihn die Augsburgerin sieht. Eine Premiere im Boxsport.
Klingt nach Schnickschnack. Doch es ist alles Teil der Vermarktung der Karriere der 26-Jährigen. Regina Halmich ist ein Name, der öfter fällt an diesem Vormittag in Kühbach. Der Laufbahn der berühmtesten deutschen Boxerin eifert "Petko's" nach, eine ähnliche Richtung möchte der Promoter mit Tina Rupprecht einschlagen. Bundesweite Bekanntheit, vielleicht ein Kampf in den USA. Die Augsburgerin nennt Halmich "eine Legende", sie habe "Frauenboxen groß gemacht in Deutschland". Und damit das Fundament gelegt für die nächste Generation. Für eine wie Tina Rupprecht, die eben erst einmal nicht Grundschüler unterrichtet, sondern einen möglichst weiten Weg im Boxsport gehen möchte. Und Kühbach ist dabei der Anfang.
Beginn der Veranstaltung ist um 18 Uhr, Tina Rupprecht steigt voraussichtlich gegen 23 Uhr in den Ring. Der exakte Zeitplan mit allen Kämpfen wird in Kürze veröffentlicht. Die 1600 Karten sind größtenteils vergriffen

Von David Libossek


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Veröffentlicht am 13.12.2018 16:17 Uhr




 

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