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Bob-Weltmeister Kagerhuber: "Ich werde Wochen brauchen, um das zu realisieren"

Aichach - Matthias Kagerhuber hat bei seiner ersten Weltmeisterschaft als Anschieber eines Viererbobs gleich Geschichte geschrieben. Der Affinger, 31, saß zusammen mit Joshua Blum und Bremser Christian Rasp im Schlitten des Piloten Johannes Lochner. Der war nach vier Fahrten durch das Eislabyrinth am Königssee auf die Hundertstelsekunde so schnell wie der von Landsmann Francesco Friedrich gesteuerte Bob. Zwei Mal Gold gab's in dieser Sportart bei einer WM noch nie. AZ-Sportredakteur Heribert Oberhauser sprach mit Kagerhuber, der in Schönau lebt und als Oberfeldwebel Angehöriger der Bundeswehr Sportfördergruppe in Bischofswiesen ist, über einen mitreißenden Wettkampf und die Olympischen Winterspiele 2018.


AZ: Was ist das für ein Gefühl, Teil eines sporthistorisch einmaligen Ereignisses zu sein, und noch dazu mit diesem triumphalen Ausgang?
Kagerhuber: Das ist brutal. Ich werde Wochen brauchen, um das alles zu realisieren. Vor dem letzten Lauf haben wir oben am Start noch gesagt: Das wäre das absolute Highlight, wenn wir zeitgleich zusammen Weltmeister würden. Und wie sich das Ganze auf den letzten 50 Metern zugespitzt hat - unglaublich.
AZ: Und anschließend ist gebührend gefeiert worden.
Kagerhuber: Die Abschlussparty war im VIP-Zelt gleich an der Bahn. Das ist es hoch hergegangen. Übermäßig viel haben wir aber nicht getrunken, um halb eins sind wir heim.
AZ: Wie die beiden Besatzungen miteinander gejubelt haben, lässt darauf schließen, dass die Bobfahrer eine verschworene Gemeinschaft sind.
Kagerhuber: Wir sind ja über die Saison viel zusammen, kennen uns schon lange aus den Europacup-Zeiten; ja, wir kommen gut miteinander aus. Wenn einer allerdings mit einer Hundertstel verloren hätte, wäre er schon sehr enttäuscht gewesen.
AZ: War der WM-Titel am Anfang der Saison für Sie ein Thema?
Kagerhuber: Davon hätte ich nicht einmal zu träumen gewagt. Ich wollte nur ein paar Weltcups fahren. Als das dann geklappt hat, habe ich mich schon gefreut.
AZ: Gab es ein Schlüsselerlebnis für den Lochner-Bob?
Kagerhuber: Ich glaube, das war der Weltcup in Whistler. Auf dieser schwierigen Bahn hat es so gut funktioniert, dass wir Dritter geworden sind; es war mein erster Podestplatz im Weltcup. Daraufhin haben die Experten schon gesagt: Wenn die auf der Olympiabahn von Vancouver so gut abschneiden, ist mit ihnen in dieser Saison zu rechnen.
AZ: Wie groß war die Anspannung vor der Weltmeisterschaft?
Kagerhuber: Die war enorm. Der Druck war groß. Nach unserem Weltcupsieg am Königssee gehörten wir zu den Favoriten. Und die Verletzungen meines Piloten beim Sturz in St. Moritz haben die Situation nicht leichter gemacht. Johannes Lochner konnte seit fünf Wochen nicht mehr richtig trainieren.
AZ: Wie bewerten Sie die vier Läufe?
Kagerhuber: Sie waren gut, aber es war keine perfekte Fahrt dabei, obwohl wir im ersten Durchgang mit 48,26 Sekunden einen Bahnrekord aufgestellt haben. Aber die Dramaturgie war unbeschreiblich. Nach dem ersten Tag waren wir drei Hundertstel vorne, nach der dritten Fahrt ein Hundertstel hinten - ein Wimpernschlag. Den Weltcup am Königssee haben wir nach zwei Läufen mit 25 Hundertstel Vorsprung gewonnen.
AZ: Wie war ihr Gefühl an Position zwei während der vierten Fahrt?
Kagerhuber: Es war gut, und als im Ziel die 1 aufgeleuchtet hat, wurde es noch besser. Der vierte Durchgang und der erste waren die besten.
AZ: Weder Friedrich noch Lochner hat an den zwei Tagen eine hundertprozentige Fahrt hingekriegt?
Kagerhuber: Die Bahn ist am Samstag durch Temperaturen um den Gefrierpunkt sehr schnell gewonnen. Und je rutschiger das Eis ist, umso leichter passieren Fehler, vor allem auf der langen Geraden.
AZ: Kann man von einem Heimvorteil sprechen?
Kagerhuber: Ich glaube schon. Der Johannes fährt auf seiner Hausbahn einfach sensationell. Nur so haben wir unseren Startrückstand immer kompensieren können. Beim Start hat man gemerkt, dass Johannes wochenlang nicht trainieren konnte. Zu unserem Glück hat Oskars Melbardis (lettischer Weltmeister von 2016/Red.) den dritten Lauf total verbockt, sonst wär's für uns Deutsche knapp geworden.
AZ: Wie haben Sie denn die Begeisterung unter den Zuschauern an der Bahn mitbekommen?
Kagerhuber: Das war im vierten Lauf unfassbar. In allen Kurven haben wir gehört, wie laut die Zuschauer geschrien haben. Ich habe beim Bob noch nie so viele Leute erlebt.
AZ: Ihre Mutter Christine ist mit Ihrer Tante und Ihrem Onkel natürlich an den Königssee gekommen. Wann haben Sie sie nach dem Wettbewerb zum ersten Mal gesehen?
Kagerhuber: Das hat eine Zeit lang gedauert, denn sie war bei den Menschenmassen an der Tribüne nicht so leicht auszumachen. Sie hat mir dann gratuliert und gesagt, dass sie auf mich unwahrscheinlich stolz ist. Aber nervlich war diese WM für sie und die Verwandtschaft fast zu stressig.
AZ: Ihr Vater ist vor fünf Jahren gestorben. Denkt man in so einem Moment auch an ihn?
Kagerhuber: Zunächst nicht, weil man da zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Später am Abend dann schon. Es wäre schön gewesen, wenn er das hätte miterleben können. Er hat ja mit meiner Mutter, wo immer es möglich war, meine Bobrennen angeschaut.
AZ: Die Olympischen Spiele 2018 in Pyeonchang sind jetzt Ihr großes Ziel. Was ist der WM-Titel auf dem Weg nach Südkorea wert?
Kagerhuber: Nicht viel. Es liegt noch ein ganzes Jahr vor uns. Da kann viel passieren, Verletzungen zum Beispiel. Zu einem Team gehören sechs Anschieber, für die gibt es drei Plätze. Der Konkurrenzkampf ist hart. Die Karten werden neu gemischt. Abgesehen davon können wir nur hoffen, dass unser Pilot mit der Bahn zurechtkommt.
AZ: Die Entscheidung, ob in Pyeonchang mit einem Bob des Tirolers Hannes Wallner oder mit einem Schlitten des FES (Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin) gefahren wird, sei noch nicht gefallen, hat Bundestrainer René Spies am Sonntag gesagt.
Kagerhuber: Wir werden sicher mit unserem Wallner-Bob (Stückpreis 80 000 Euro/Red.) fahren. Den haben wir privat finanziert über den Verein (Bobclub Stuttgart Solitude/Red.) und Sponsoren. Friedrich ist am Königssee mit einem neuen Modell von Wallner gefahren, einem Prototypen, den es bisher nur einmal gibt. Der Verband hatte für diese Saison nur Zweierbobs gekauft.
AZ: Kennen Sie die Bahn in Pyeonchang?
Kagerhuber: Nur von Fotos und Videos. Aber das Team fliegt ohne mich am Mittwoch nach Südkorea. Dort steht eine internationale Testwoche an und der letzte Weltcup. Dann werden wir schon weitersehen.
AZ: Für Sie ist die Saison beendet?
Kagerhuber: Was die Wettbewerbe angeht, ja. Ich werde noch zwei, drei Wochen trainieren und dann mit meiner Freundin Stefanie in Mexiko Urlaub machen.
AZ: Sieht Sie in diesem Jahr die Leichtathletik und damit die LG Aichach-Rehling, Ihr Verein, wieder?
Kagerhuber: Auf jeden Fall. Einen Termin habe ich mir im Kalender schon angestrichen: die Bayerische Meisterschaft im Juli in Augsburg. Dort werde ich im Speerwurf antreten (Kagerhubers Rekord in seiner Spezialdisziplin steht bei 62,55 Meter/Red.). Aber viel Zeit bleibt nicht für die Leichtathletik. Denn nach der Mexiko-Reise geht im April das Bobtraining schon wieder los mit Kraftaufbau zum Beispiel durch Treppenläufe.
AZ: Wie groß war der Medienrummel bei der WM?
Kagerhuber: Riesig. So viele Kameras wie bei den Siegerfotos habe ich in meinem Leben noch nie gesehen.
AZ: Gibt's für den Titel eine Prämie?
Kagerhuber: Wir kriegen schon etwas von der deutschen Sporthilfe. Wie viel es ist, weiß ich gar nicht, weil ein neues Förderkonzept ergestellt wurde. Es ist jedenfalls keine horrende Summe. Platz drei in Whistler war Schlüsselerlebnis Lochner-Team hat Bob privat finanziert
 


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Veröffentlicht am 24.04.2018 14:35 Uhr




 

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