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Bob-Anschieber Kagerhuber: über Oberhof nach Pyeonchang

Aichach - Heute wird es ernst für Matthias Kagerhuber. Zusammen mit 44 weiteren Bob-Anschiebern muss sich der Affinger in Oberhof einem Leistungstest unterziehen. Nur die Schnellsten haben eine Chance, nach dem Jahreswechsel weiter im Weltcup zu starten und beim Saisonhöhepunkt, der Weltmeisterschaft am Königssee, dabei zu sein.

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Aus seiner Wahlheimat Schönau am Königssee, wo er mit seiner Freundin lebt, hat sich Kagerhuber gestern mit dem Auto auf den Weg gemacht ins thüringische Wintersportmekka. Am Montagvormittag hat er am Olympia-Stützpunkt unter dem Watzmann bei Postkarten-Idylle (strahlend blauer Himmel, 15 Zentimeter Neuschnee) eine letzte Übungseinheit absolviert. Hantelsprünge für die Schnellkraft waren angesagt.
Zwei Mal im Jahr müssen sich die Bob-Anschieber in einer Leistungsprüfung bewähren, zunächst während der Vorbereitung im September, und dann noch einmal im Dezember. Der Termin kurz vor Weihnachten sei der "wichtigste" der gesamten Saison, sagt Kagerhuber. Das Ausleseverfahren sei gandenlos. Die Piloten müssen nicht ran, sie sind gesetzt.
In Oberhof hat der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) auf einem Hügel eine Eisrinne extra für die Starttests gebaut. Die Rampe ist überdacht und gekühlt, um gleiche Verhältnisse für alle Kandidaten zu schaffen. Kurioserweise werden auf der Oberhofer Kunsteisbahn aber keine Bob-Weltcuprennen mehr ausgetragen, weil die nötige Anschubstrecke fehlt.
Bei den Starttests sind alle Anschieber sich selbst überlassen. Jeder muss einen leichteren Schlitten mit 130 Kilogramm zweimal allein auf Geschwindigkeit bringen: einmal an der Seite (für die Positionen zwei und drei im Schlitten), einmal von hinten, der Position des Bremsers. Normalerweise wiegt ein leerer Bob 210 Kilo, mit Besatzung muss das Gewicht mindestens 630 Kilo betragen, bei Bedarf wird mit Eisen nachgeholfen. Nach 15 Metern läuft die Zeit, bei 45 Metern wird wird sie gestoppt, wie bei den Rennen auch. Es geht demnach um 30 Meter. Die Leistungsdichte ist international so groß, dass in den Meisterschaften bei der Startzeit Hundertstelsekunden entscheidend sind, wenn die Piloten an den Seilen ihr Sportgerät anschließend fehlerfrei durchs Kurvenlabyrinth steuern.
Entsprechend knapp wird es auch heute unter den deutschen Anschiebern zugehen. Kagerhuber, aktuell 102 Kilo schwer bei 1,86 Metern Körperlänge, muss alles geben. Die Leistungsunterschiede sind mit dem normalen Auge nicht wahrnehmbar. Aber schon eine Hundertstelsekunde kann eine Karriere wesentlich beeinflussen.
Christine Kagerhuber, seit vier Jahren verwitwet, wird ihrem Sohn zu Hause in Affing die Daumen drücken. Die Mutter ist zuversichtlich. "Der Matthias schafft das, er ist ja seit jeher so ehrgeizig", sagt sie. Wenn ihr Filius die Eisbahnen auf der Welt hinunterdonnert, sitzt Christine Kagerhuber "voll gespannt" vor dem Fernseher. "Dann geht mir so richtig das Herz auf." Bei den Rennen in relativer Nähe fiebert sie schon mal an der Bahn mit.
Auch Matthias Kagerhuber ist optimistisch, es über die Starttests, die für ihn im Grunde nicht mehr sind als eine "Momentaufnahme" über etwa 4,7 Sekunden, wieder in den Viererbob von Johannes Lochner zu schaffen. Mit dem Berchtengadener sitzt er inzwischen in der dritten Saison im Schlitten. Und sollte er einen Wimpernschlag zu langsam sein, orakelt der 31-Jährige, dann erinnerten sich die Verantwortlichen um Bundestrainer René Spies, den Nachfolger von Christoph Langen, doch hoffentlich an die fabelhafte Startzeit von vor zweieinhalb Wochen in Whistler. Beim Weltcup im kanadischen Westen fuhr der Lochner-Bob, dem noch Sebastian Mrowka und Christian Rasp angehörten, auf Platz drei und war damit das beste deutsche Quartett vor den Teams um Nico Walther (10.) und Zweierbob-Weltmeister Francesco Friedrich (12.).
Der Eiskanal der Olympischen Spiele von Vancouver 2010 ist für die Athleten die größte Herausforderung. "Da bist du bei jeder Fahrt froh, wenn du unten auf vier Kufen ankommst", stellt Kagerhuber fest. Während des Weltcups herrschte zum Glück mildes Klima. Bei null Grad sei das Eis weich gewesen, die Bahn deshalb besser fahrbar, erklärt er. Trotzdem wurde der russische Sieger Aleksandar Kasjanow mit 151 km/h gemessen, ein Höllentempo.
In Whistler hockte Kagerhuber auf der Position zwei gleich hinter dem Piloten. Ob er an zwei oder drei sitze, das ändere sich wegen der Aerodynamik von Bahn zu Bahn.
Für Kagerhuber war der Podiumsplatz von Whistler in seinem zweiten Weltcup-Rennen der bisher größte Erfolg. Seine WeltcupPremiere vor zwei Jahren in Sotschi war mit Rang elf "weniger prickelnd", wie er bekennt. Nach dem Vancouver-Coup rechnet sich Kagerhuber gute Chancen aus, sich mit Johannes Lochner (die beiden starten für den Bobclub Stuttgart Solitude) weltweit unter den ersten fünf im Viererbob zu etablieren. Nach Whistler ist er genau genommen zurzeit Mitglied von Bob Deutschland 1.
Kagerhubers großes Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2018 im südkoreanischen Pyeonchang. Dafür kann er sich in den Konkurrenzen nach der Weihnachtspause empfehlen, voran bei der Heim-WM im Februar, der fünften im Berchtesgadener Land. Das mondiale Championat vergab die IBSF (Internationale Bob- und Skeleton Förderation) am Montag an den Königssee, nachdem sie es Sotschi im Zuge der russischen Doping-Affäre entzogen hatte.
Die Lochner-Crew wird im neuen Jahr weiter mit dem Wallner-Bob fahren. Der BSD hat für diese Saison vier Schlitten des österreichischen Sportgeräteherstellers gekauft. Zum Stückpreis 70 000 bis 80 000 Euro. Hannes Wallners Bobs sollen die besten sein, der Tiroler firmiert als Medaillen-Schmied. "Wir kommen hervorragend damit zurecht", sagt Kagerhuber. Platz drei in Whistler ist ein eindrucksvoller Beleg. Vorher stammten die deutschen Bobs vom in Berlin ansässigen Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten.
Auch weil die Anschaffung der vier Hightech-Boliden eine beträchtliche Investition für den nicht eben reichen BSD war, hat der die zweiten Übersee-Wettbewerbe am vergangenen Wochenende in Lake Placid gestrichen und stattdessen am Königssee Materialtests vorgenommen. "Entscheidend werden ohnehin erst die Weltcups in Europa sein", weiß Kagerhuber.
Der gelernte Möbelschreiner Affinger schiebt in der neunten Saison Bobs an. Gekommen ist er zu diesem Sport, der einem Laien nach dem Skispringen den größten Mut abverlangte, durch Zufall. Als er 2007 in seiner besten Saison als Speerwerfer der LG Aichach-Rehling in München einen Ländervergleichskampf bestritten habe, habe ihn ein ehemaliger Leichtathlet gefragt, ob er es nicht als Bob-Anschieber versuchen wolle, erzählt Kagerhuber. Kagerhuber schaute am Königssee vorbei - und blieb.
Kagerhuber sieht sich im Bobsport als Profi. Er ist als Oberfeldwebel Angehöriger der Bundeswehr Sportfördergruppe in Bischofswiesen. Der zeitliche Aufwand sei auch nur so zu bewältigen, bedeutet er. In der Saisonvorbereitung zum Beispiel stünden in der Woche zehn bis zwölf Trainingseinheiten an. Und am Ende hängt alles an ein paar Hundertstelsekunden bei den Starttests in Oberhof. 
Bei den Starttests am Mittwoch lief es für Matthias Kagerhuber dann prima. Der Affinger landete unter den besten zehn (von 45 Aspiranten), womit er ausgezeichnete Chancen haben sollte, auch nach dem Jahreswechsel im Viererbob des Piloten Johannes Lochner sitzen. Der BSD nimmt die Nominierung in den nächsten Tagen vor.


Von Heribert Oberhauser
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Veröffentlicht am 23.12.2016 12:36 Uhr




 

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