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Der Boxsport erlebt in Aichach eine Renaissance

Aichach - Die Basketballer des TSV Aichach wären vor Neid erblasst. Wenn sie zu Hause auf Korbjagd gehen, verlieren sich in der Halle der Grundschule Aichach Nord höchstens zwei Handvoll Zuschauer. Am Samstagnachmittag verfolgten dort über hundert Schaulustige 17 Boxkämpfe. Wjatscheslaw Odenbach, der die Veranstaltung organisiert hatte, war dennoch ein bisschen enttäuscht. Der Frontmann und Trainer der Aichacher Faustkämpfer hatte auf einen größeren Zuschauerzuspruch gehofft.

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Während andernorts die Hallen bei derartigen Events häufig voll sind, müssen die Boxer in der Paarstadt die Gunst des Sportpublikums erst wieder zurückerobern. Boxen habe im TSV neben Ju-Jutsu zurzeit den größten Aufschwung, sagte dessen Vorsitzender Klaus Laske. Im vergangenen Jahr verdoppelte die Sparte ihre Mitgliederzahl auf vierzig.
Von 1946 bis 1956 habe es im TSV schon einmal eine Boxabteilung gegeben, wusste Aichachs oberster Schachspieler Heinz Neumaier, der am Samstag als Kassier im Einsatz war. Nachdem sich die Sparte aufgelöst hatte, wurde noch etwa zwanzig Jahre ab und an im Volksfestzelt geboxt. Ringrichter Armin Kneer, 74, ist ein Zeitzeuge. Er habe damals in den Siebzigern als "Leihboxer" den letzten Kampf in Aichach bestritten, erzählt der Haunstetter. Gegner sei ein Schweizer Meister gewesen. Durch seinen Sieg, einen von 83 in 122 Schwergewichtskämpfen, hätte die Aichacher Staffel 10:8 gewonnen.
Wohin die Renaissance des Boxens in Aichach führt, muss sich zeigen. Klaus Laske ermunterte Odenbach hinterher zu einer Wiederholung des Turniers. "Dann wollen wir die Veranstaltung aber in der TSV-Halle ausrichten, weil wir dort weniger Aufwand haben", erklärte der Vorsitzende des zweitgrößten Vereins im Landkreis (nach dem TSV Friedberg).
Laske jedenfalls fand durchaus Gefallen an den Kämpfen der Jugendlichen und Erwachsenen wie auch der Experte Kneer oder dessen Ringrichterkollege Reinhold Gruschwitz. Der Kemptener ist auch Vorsitzender des Förderkreises des Bayerischen Amateur-Boxverbands (BABV). Die Hälfte der Kämpfe sei "sehenswert" gewesen, fand Gruschwitz. Wobei es ohnehin nicht Odenbachs Anspruch war, hochklassigen Sport zu präsentieren. "Wir haben hier keine Eliteboxer, wollen vielmehr Anfängern eine Bühne bieten", sagt der in Tscheljabinsk am Ural geborene Russlanddeutsche.
Angesichts dessen war mancher Kampf von beachtlichem Format. Wie jener im Männer-Schwergewicht zwischen dem Geretsrieder Adrian Chimielewsky und Georgios Arouidis vom MTV München. Chimielewsky hatte zwar ab der zweiten Runde nach einer zielgerichteten Geraden von Arouidis auf seine Nase ein blutverschmiertes Gesicht, dennoch gewann der 18-Jährige die packendste Auseinandersetzung des Nachmittags nach Punkten.
Ringarzt Dimitrios Dedegkikas, der aus Athen stammt und seit 2011 in Augsburg lebt, musste nicht allzu oft eingreifen, und dann auch nur bei kleineren Blessuren. Seit zwei Jahren darf bei den Amateuren im Männerbereich wieder ohne Kopfschutz geboxt werden. Der erfahrene Funktionär Gruschwitz, 68, findet diese Lockerung der Regeln überhaupt nicht gut, die Protagonisten offensichtlich schon. Keiner der erwachsenen Boxer (sieben Kämpfe) trug den Kopfschutz, der beim Nachwuchs weiter Pflicht ist. Ab dem Weltergewicht hatten die Handschuhe zwölf Unzen (eine Unze ist knapp 30 Gramm), darunter zehn (die gesamte Skala reicht von sechs bis 16 Unzen).
Das größte Kontingent stellten in Aichach der TSV Königsbrunn und Mekong Neu-Ulm. Der NeuUlmer Verein gab sich den Namen des längsten südostasiatischen Flusses, weil er auch eine Thai-Box-Abteilung unterhält. Neben einer Reihe von Oberbayern, vorwiegend vom BSC München, stand mit Osman Scharbiev auch ein (siegreicher) Österreicher aus Braunau im Seilgeviert.
Karim Hazimf (Neu-Ulm) und Alex Popov (Königsbrunn) boten den Boxfans eine Neuauflage des Endkampfs der schwäbischen Jugendmeisterschaft im Weltergewicht. Hazimf wiederholte seinen Sieg nach Punkten in einem Faustgefecht auf respektablem Niveau. Sieben der 17 Kämpfe endeten vorzeitig durch technischen K.o.
Die Fahne des TSV Aichach sollte Maik Bauer hochhalten. Als Lokalmatador durfte der 16-Jährige im Halbwelter der Jugendklasse (bis 60 kg) das Finale bestreiten. Bauer hatte zwar das Publikum hinter sich, gegen den Neu-Ulmer Tobias Neuner war er in seinem zehnten Kampf gleichwohl chancenlos. "Er war nicht schlecht, aber er könnte besser sein", lautete das Urteil des Trainers Odenbach über seinen Schützling. Er habe "alles gegeben", aber der Gegner sei zu stark gewesen, sagte Bauer.
Mit viel Übung wird der Youngster dereinst vielleicht auch Widersacher dieses Kalibers bezwingen. Allerdings sind die Trainingsmöglichkeiten der Boxer wie auch die anderer Disziplinen im TSV eingeschränkt. Dazu fehlt den Faustkämpfern in Aichach etwas ganz Wesentliches für ihre Sportart - ein Boxring (der am Samstag war geliehen). Mal ganz abgesehen von den Anschaffungskosten in Höhe von etwa zehntausend Euro, "wir wüssten nicht, wo wir ihn aufstellen sollen", bedauert Klaus Laske. Für Ringrichter Kneer schließt sich am Samstag der Kreis

Von Heribert Oberhauser
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Veröffentlicht am 15.08.2016 23:00 Uhr




 

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