Inchenhofen    

Das Feindbild Biber

Inchenhofen – Bauern aus dem ganzen Landkreis lockte das Thema Biber am Montagabend nach Inchenhofen. Der Voglbräusaal platzte nahezu aus allen Nähten, die Verbindungstüre zur Gaststätte konnte nicht mehr geschlossen werden. Die Landwirte hatten nur zwei Feindbilder: den Biber – und Helmut Schenke, Vorsitzender des Bund Naturschutzes Aichach-Friedberg, der sich persönlichen Angriffen ausgesetzt sah.

 

Über das große Interesse freute sich insbesondere der Gastgeber, BBV-Kreisobmann Reinhard Herb. Er wusste, dass bei diesem „brisanten Thema“ die Wogen der Emotionen höher schlagen. Bewusst habe er daher keinen Referenten aus dem Landkreis eingeladen, sondern einen, der „unbefangen die Thematik anpacken kann“. So hatte Paul Zahn, Bibermanager am Landratsamt Landsberg, die Aufgabe übernommen, über die „rechtlichen Grundlagen der Biberproblematik“ zu informieren. Zahn, der selbst Landwirt ist, hielt sich kurz. Er kritisierte, dass man sich viel zu wenig Gedanken gemacht habe, in welche Bereiche der Biber zu lenken sei. „Nun hat er sich überall breit gemacht.“ Es habe niemand damit gerechnet, dass er sich so schnell verbreite. Zahn zeigte durchaus Verständnis für den Ärger der Bauern. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen wurde er mit der Frage unterbrochen: „Wer ersetzt uns die Schäden, die der Biber angerichtet hat?“. Zahn verwies darauf, dass es einen so genannten Biberausgleichsfonds gebe, der mit 250 000 Euro gefüllt sei. Schäden müssten innerhalb von acht Tagen der Unteren Naturschutzbehörde gemeldet werden. Der Fachmann verwies aber zugleich darauf, dass nicht alles schlecht sei, was der Biber anstellt. Feuchte Wiesen beispielsweise, würden den CO2-Ausstoß von Kraftfahrzeugen binden. Das wollten die Bauern freilich nicht hören. Sie wollten wissen, wie man der Biberplage Herr werden kann. Da der Biber eine streng geschützte Art sei, vermutlich nicht mehr. Man müsse sich mit ihm arrangieren. Als Präventivmaßnahmen schlug Zahn vor, Wege zu verbauen und Bäume mit Gittern zu schützen. Auch könnten Dämme, wenn sie nicht lebensrelevant für den Nager sind, eingerissen werden. Die Landwirte müssen dabei jedoch immer den Behördenweg einschlagen. Den Biber fangen oder abschießen? Bei den Zugriffsmaßnahmen, die in Ausnahmen erlaubt seien, sprach sich Zahn klar für den Abschuss aus. „Es macht keinen Sinn, den Biber erst zu fangen und ihn dann zu erschießen, weil ihn niemand haben möchte.“

1966 wurde der Biber in Bayern wieder angesiedelt. 70 Stück waren es damals. Wie Herb weiß, sind es mittlerweile über 12 000. „Das kann nicht so weiter gehen, da muss was passieren“, betonte der BBV-Obmann. Es kann nicht sein, dass jeder Graben und Nebengraben vom Biber besetzt sei. „A bisserl Biber darf scho da sein, aber jetzt langt’s“, ärgerte sich Herb. 2005 ließ sich der Biber schließlich im Landkreis Aichach-Friedberg und hier insbesondere im Pöttmeser Bereich nieder. Nach Ansicht von Herb habe er zwischenzeitlich Schäden in Höhe von 60 000 bis 80 000 Euro angerichtet. „Es ist nicht das Gras, das er frisst, sondern das Drumherum, was die großen Schäden ausmacht.“ Feuchte Wiesen, in deren nähe nichts mehr wächst und Kartoffeln verfaulen, Straßen und Böschungen, die abbrechen stoßen den Landwirten sauer auf. Und: „Wenn ein Häcksler zwei Stunden in einem Biberloch stecken bleibt, dann ist das ein Schaden in Höhe von 1000 Euro“, schimpfte Herb. Im vergangenen Jahr wurden zwölf Biber gefangen. Angesichts der enormen Population sei dies allerdings viel zu wenig.

Anhand von Fotos, die Herb selbst aufgenommen hat, führte er die angerichteten Schäden vor Augen. Aufgestaute Bäche, überschwemmte Wiesen, abgefressene Bäume und dergleichen waren zu sehen. „Wenn die Bevölkerung den Biber will, dann muss sie uns die Flächen abkaufen, kostenlos geht das nicht“, betonte der BBV-Obmann. Helmut Schenke dagegen erklärte, dass der Bund Naturschutz gerne noch Flächen kaufen, aber nicht bekommen würde. Dafür erntete er Buhrufe und höhnisches Gelächter.

Vertreter von Wasserzweckverbänden beklagten die hohen Pegelstände von bis zu 45 Zentimetern in den Bächen. Vereinbart seien 30 Zentimeter gewesen. Es wurde unterstellt, dass nicht nur der Biber die Dämme baue, sondern auch Naturschützer, die dem Biber helfen wollen. Schenke räumte die zu hohen Pegelstände ein, führte sie jedoch auf die derzeitige Schneeschmelze zurück. Außerdem betonte er, dass alle angerichteten Schäden, bis auf einen der zu spät gemeldet wurde, beglichen seien. Das ärgerte einen Bauern so sehr, dass er mehrfach „Lügner, Lügner“ durch den Saal rief. Ein Zuhörer meinte gar, das sei eine „Kriegserklärung“ gegen die Bauern. Schenke ließ sich allerdings nicht provozieren und lobte sogar die „guten Gespräche“ mit den Landwirten. So gebe es auch Unterschriften von Bauern, die mit dem jetzigen Zustand durchaus zufrieden seien.

Pöttmes Bürgermeister Franz Schindele brachte dann wieder etwas Ruhe in die Versammlung. Er schlug vor, dass sich unter seiner Moderation alle Beteiligten, Bauern, Behörde und Naturschutz an einen Tisch setzen und die Problematik erneut erörtern. Auch Herb zeigte sich zuversichtlich, dass eine Ebene gefunden werden kann, auf der alle, Bauern, Biber und Naturschützer leben können.

Angesichts der Biberproblematik hatten die Landwirte die schlechten Nachrichten, die ihnen bereits vorher Anita Högenauer vom Amt für Landwirtschaft und Forsten überbrachte, schnell vergessen. Es geht um Erosionskataster und deren Auswirkungen auf die Landbewirtschaftung. Gemäß einer EU-Richtlinie wird ihnen ab 1. Juli vorgeschrieben, wann und wie sie ihrer Felder beackern dürfen. Herb sprach von einem „Bürokratiemonster“ und einer „Entmündigung“ der Bauern. „Das ist der helle Wahnsinn, dagegen müssen wir uns massiv wehren.“ Herb schlug seinen Berufskollegen vor, „Anträge zu stellen, bis die in Brüssel hinterm Schreibtisch nicht mehr hervorschauen können.“ Bis zum 1. Juli sei noch Zeit, etwas ändern zu können.

Von Alfred Haas

 

Veröffentlicht am 09.03.2010 16:57 Uhr


 

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