Dialektwoche    

Pöttmeser Mundart beispielgebend

Der Lech ist zwar die Sprachgrenze, aber er ist nicht alleine die Ursache, warum wir so sprechen, wie wir sprechen

Aichach (gw) Schwob. Kaum etwas fährt einem Hiesigen so ins Gemüt, als als „Schwabe“ bezeichnet zu werden. Obwohl’s ja eigentlich stimmt: Seit der unsäglichen Gebietsreform anno 1972, als das oberbayerische Aichacher Land den „Spätzlefressern“ zugezwungen wurde, sind wir „Muss-Schwaben“ – verwaltet von Beamten im „protzerten Augsburg“, im Herzen jedoch mit Oberbayern verwachsen.

Dass schwäbische Einschläge unsere Sprache prägen, lässt sich hingegen nicht leugnen: Das „s“ wird zu „sch“, das „a“ zum „o“. Daran sind die Augschburger schuld, die immer mehr über den Lech drängen und uns sprachlich „infiltrieren“, entschuldigen wir uns. Und wir selber tragen auch noch zur Schwabisierung bei, weil wir die träge, vernuschelte Aussprache der Datschiburger annehmen, wenn wir unser Geld bei ihnen verdienen.

Stimmt so nicht ganz, sagen die Sprachforscher. Ein „Überschwappen“ alemannischer Sprachkultur in die bairische gebe es zwar. Auch der mächtige Lech als Sprachgrenze habe das im Laufe von Jahrhunderten nicht aufhalten können. Andererseits gebe es Dialektfärbungen, die schwäbisch anmuten, es aber gar nicht sind. Das „Sch“ zum Beispiel.

Die Pöttmeser seien ein gutes Beispiel, unter welchen Einflüssen sich Dialekt entwickelt, meint Dr. Manfred Renn. Der Sprachwissenschaftler hat die Dialekte entlang des Lechrains untersucht und festgestellt: Pöttmes liege zwar – wie Rehling und Thierhaupten – an einer „der schärfsten Dialektgrenzen im deutschen Sprachraum“, dennoch gleichen sich die Pöttmeser Mundart und die, die etwa in Langweid gesprochen wird. Das als schwäbisch verrufene „Sch“ aber habe sich wohl eher aus dem Mittelhochdeutschen herübergerettet. Es sei bis zur „ungefähren Ostgrenze Ingolstadts“ ebenso bodenständig wie in Dachau, Miesbach und in ganz Tirol und Oberkärnten.

Am Pöttmeser Dialekt lassen sich, so Renn, aber trefflich auch die dialektgeografischen Unterschiede von rechts und links des Lechs aufzeigen. „Links vom Fluss ist das alte a hell geblieben, auf der rechten Flussseite haben wir konsequent, aber in einem unterschiedlichen Grad, eine sogenannte Verdumpfung dieses Lautes, also eine Verschiebung in Richtung o. Heißt es westlich noch Baach oder Waaga, so spricht man östlich Booch und Woong“, erläutert Renn. Während auf der Westseite des Flusses auch das Ä erhalten ist, beispielsweise in Käschtle, Mädle, i däät, werden dafür auf der Ostseite hellklingende a gesprochen: Kastl, Maala, i daat. Der mittelhocheutsche Doppellaut ei in Wörtern wie „Leiter, Schweiß, breit, reisen“ wird auf der linken Flussseite als oi gesprochen, auf der rechten als oa. (Loata, Schwoaß, broat, roasn).

In Pöttmes und weiteren Gebieten östlich des Lechs werden die Langvokale in Wörtern wie „Schnee, Reh, böse, größer, schön, Rose, Stroh“ genau so ausgesprochen wie auf der anderen Flussseite und wie im Großteil des Schwäbischen, nämlich als „fallende Doppellaute“: Schnäa, Kläa, Räa, bäas, gräaßa, Roas(n), Schtroa. Im „inneren Bairischen“ spreche man dafür einfache Vokale (Schnee, Glee, Ree, bees, greeßa) oder „steigende Doppellaute“ (Rousn, Strou, grouß). Renn: „Die Grenze verläuft etwa bei Schrobenhausen“.

Dass Pöttmes ein Dialekt-Genzgebiet ist, lasse sich auch an den Verkleinerungsformen aufzeigen. In Orten des Wittelsbacher Landes, die nahe dem Lechufer liegen, spricht man von Schaffla, Wagala, Maala, Kaschtla, Sachla, Kriagla, Glaasla. Der Raum Pöttmes liegt in diesem Falle so ziemlich genau auf der Grenze zu Innerbaiern. In Pöttmes heißt es etwa Schaffl, Waagal, Maadl, Kastl, Sachl, Griagl, Glaasl.


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Veröffentlicht am 08.05.2016 00:05 Uhr




 

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