Dialektwoche    

Jeder Dorfdialekt ist gleich richtig

Ein Gespräch mit dem Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Werner König

Werner König mit Sprachatlas
AZ: Herr Prof. König, Sie haben sich über Jahrzehnte mit dem Dialekt beschäftigt – wann sprechen Sie selbst Dialekt?

König: Ja, das sehen oder hören Sie gerade selbst. Mit Ihnen rede ich jetzt nicht starken Dialekt, sondern regional geprägt. Das, was in der Gegend so üblich ist. Es gibt den breiten Landdialekt, es gibt die Hochsprache, die Bühnenaussprache wäre die höchste Form, und dazwischen bewegt sich unheimlich viel. Horst Seehofer spricht zum Beispiel ein eigentlich sehr gutes Hochdeutsch, wird von Norddeutschen aber oft so dargestellt, als sei er ein Bayer, den man kaum versteht. Dabei sprechen Frau Merkel oder Gerhard Schröder viel mehr regional geprägt als Seehofer. Denn die Grunddialekte des Südens sind eigentlich viel näher an der Hochsprache als die des Nordens.

AZ: Ist das, was bei Seehofer durchscheint, das, was man oft als „Sprachfärbung“ bezeichnet?

König: Es ist wie ein Akzent. Früher hat man den Dialekt als erstes, als Muttersprache gelernt, später lernte man in der Schule das Schriftdeutsch. Wie die meisten Menschen Englisch mit deutschem Akzent sprechen, so sprechen wir die Bühnen-Hochsprache mit bayerischem oder schwäbischem oder oder hessischem Akzent. Heute werden oft schon die Umgangssprachen, die sich zwischen Dialekt und Hochsprache befinden, oder nur ein südlicher Akzent als Dialekt bezeichnet. Die wirklichen alten Dialekte kennen viele heute oft schon nicht mehr.

AZ: Der Bayerische Kultur-Staatssekretär Bernd Sibler rief jüngst auf, den Stellenwert der Mundart in der Gesellschaft zu stärken. Gilt immer noch, dass Dialektsprecher diskriminiert werden?

König: Ja, natürlich. Ein Beispiel: In der TV-Sendung „Hart aber fair“ erklärt ein niederbayerischer Steuerberater komplexe Probleme sehr verständlich, er hat aber ein sehr dunkles „a“, wie es in Niederbayern typisch ist. Daraufhin fordert der Moderator ihn auf, Hochdeutsch zu sprechen. Ein anderes Beispiel: In einer Bachelor-Arbeit hat eine Studentin untersucht, warum an der Uni München so wenig Dialekt gesprochen wird. Ergebnis: Wer Dialekt spricht, gilt als dumm. Das geht im Kindergarten los und in der Schule weiter. Kinder werden korrigiert – „Sage das mal richtig“ -, und so wird ihnen der Dialekt und damit die Muttersprache schlecht gemacht. Es gibt dieses sehr alte Vorurteil, dass vor allem die süddeutschen Dialekte etwas minderes sind. Bei uns gibt es den Dialekt nur noch im Bereich Lederhose, aber nicht im Bereich Laptop.

AZ: Was kann man, abgesehen von warmen Politikerworten, tun, um den Stellenwert der Mundart zu stärken?

König: Ich habe an die Bayerische Staatsregierung zu dem Thema geschrieben. Die haben mir geantwortet und auf all die Publikationen und Projekte verwiesen, die sie mitfinanziert haben. Alle sind immer dafür, den Dialekt zu stärken, aber trotzdem spricht in München niemand mehr Bayerisch. Warum? Weil alle denken, Dialekt schadet dem Kind. Ich halte dagegen: Wo gibt es in Europa die lebendigsten Dialekte? In der Schweiz. Und die Schweiz ist das Land in Europa, das am meisten auf die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Bürger angewiesen ist. Die leisten sich, dass die Kinder Dialekt lernen. Genauso ist es in Luxemburg und in Norwegen. Alle drei gehören zu den reichsten Ländern Europas. In Norwegen gibt es schon lange ein Gesetz, das es verbietet, ein Kind wegen seiner Muttersprache zu kritisieren. Der Lehrer darf nur das geschriebene Wort korrigieren, das gesprochene aber nicht. Ein solches Gesetz bräuchten wir in Bayern auch. Dann würde den Kindern der Dialekt in Kindergarten und Schule nicht schlecht gemacht, und die Kinder würden zweisprachig aufwachsen.

AZ: Wie ist Dialektforschung zu ihrem Lebensthema geworden?

König: Das hat sich eben so ergeben. Ich habe mich schon während meines Studiums in München mit dem Dialekt am Beispiel meiner Heimat Graben beschäftigt, später, in Marburg, ist das mein Thema geblieben. Dann war ich fünf Jahre in Freiburg Assistent, 1976 bin ich dann nach Augsburg gewechselt und habe mich weiter mit Dialektforschung beschäftigt.

AZ: Was war in den rund 50 Jahren Dialektforschung für Sie die überraschendste Erkenntnis?

König: Im Grunde ist alles überraschend. Jedes Mal wenn wir einen Dialektbegriff erforscht und kartografiert haben, war das Ergebnis neu und damit überraschend.

AZ: Das ist doch wunderbar.

König: Ja, das ist es. Aber eine Sache war doch wirklich überraschend. Alle reden bei uns von „Fasching“, dabei hat man, so haben wir herausgefunden, auch im altbairischen Bereich früher „Fasnacht“ gesagt.

AZ: Wir werden in unserer täglichen Arbeit bei Dialektbegriffen oft mit der Aussage konfrontiert: Bei uns sagt man aber so, nicht so. Gibt es richtigen oder falschen Dialekt?

König: Nein. In dem einen Ort ist es so üblich, in dem anderen so. Man kann nicht werten und sagen: Das ist falsch oder das ist richtig. Das ist einfach die Muttersprache von zwei Menschen, und man darf die Muttersprache des einen nicht als falsch bezeichnen oder kaputt machen. Jede Sprache ist gleich wichtig, egal ob sie viele Menschen sprechen oder wenige, und so ist jeder Dorfdialekt gleich wichtig und richtig.

AZ: Die AICHACHER ZEITUNG erscheint zwischen Baar und Erdweg, zwischen Hilgertshausen und Dasing, zwischen Rehling und Sielenbach. Wie kann man dieses Sprachgebiet in wenigen Strichen umreißen?

König: Es ist ein Gebiet mit vielen verschiedenen Dialekten. Sprachlich gesehen ist der Lech eine eindeutige Grenze zwischen Baiern und Schwaben, östlich davon kann die Frage nach Baiern und Schwaben nicht eindeutig beantwortet werden. Westlich des Lechs gibt es ein – relativ – großes einheitliches Sprachgebiet, Östlich des Lechs, also dort, wo die AICHACHER ZEITUNG erscheint, ist es nicht einheitlich, es gibt viele kleine Sprachgrenzen. Es mischen sich hier viele schwäbische Elemente mit bairischen – mit regional ganz unterschiedlichen Anteilen. Die schwäbischen Elemente sind dabei oft in der Lautung, die bairischen im Wortschatz zu finden.

AZ: Die AZ nennt sich Altbayerische Heimatzeitung, und manchmal hat man den Eindruck, das Altbairische ist für all jene, die partout nicht Schwaben sein wollen, eine Art Ersatzidentität. Was sagt der Dialektforscher dazu?

König: Mir hat mal einer gesagt, die Oberbayern haben den Schwaben bei der Gebietsreform um 1970 nicht den schönen Ammersee gegönnt, deshalb haben die Aichach bekommen (lacht). Aus sprachlicher Sicht sind allerdings die Menschen in der Ammersee-Gegend viel mehr Schwaben als die in den nördlicher gelegenen Gegenden. Und die Pasinger sind früher von den Giesingern als Schwaben beschimpft worden, wohl, weil sie das typisch schwäbische „Sch“ in der Sprache verwendet haben. Das hat die Biermösl Blosn übrigens auch noch beibehalten. Deshalb habe ich großen Respekt vor ihnen, weil sie nicht das Salon-Bayerisch Münchner Prägung angenommen haben.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht wäre es aber sicher sinnvoller gewesen, den Altlandkreis Aichach nicht zu trennen. Es wäre besser gewesen, einen südlichen Landkreis den Schwaben zuzuordnen als einen nördlichen. Grundsätzlich ist Altbaiern nichts einheitliches, sondern unter dem Begriff versteht man verschiedene Stämme und Völker, die nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches in unserer Gegend eben auftauchen. Die Archäologen haben herausgefunden, dass die Gegend nördlich des Lechs, also ungefähr auch die Gegend, in der die AICHACHER ZEITUNG erscheint, von Westen her besiedelt wurde. Also waren es eigentlich Schwaben... (lacht) Aber das wollen die Baiern natürlich nicht hören. Aber es gibt auch einen Forscher, der sagt, die Baiern seien eigentlich, das heißt ursprünglich Alemannen.

AZ: Also rettet uns der Begriff „Altbayern“ nicht? Wir sind Schwaben?

König: Nein, wenn man über den Begriff „Altbayern“ eine neue Identität gewinnt, dann ist das in Ordnung. Wenn man die enge Verbindung von Bayern mit den Wittelsbachern betrachtet, dann gibt es sogar keinen Landkreis, der altbairischer ist.

AZ: Wie sieht die Zukunft des Dialekts aus?

König: Seit dem 19. Jahrhundert gibt es eine Entwicklung, die die süddeutschen Dialekte als minderwertig betrachtet. Die Resultate sehen wir heute, verstärkt durch Rundfunk und Fernsehen. Die jungen Menschen heute sprechen so, wie in den Seifenopern im Fernsehen. In München findet man keinen echten Dialektsprecher unter 25 Jahren mehr. Dabei sind die Grunddialekte Süddeutschlands eigentlich näher an der Hochsprache als die norddeutschen Grunddialekte.

AZ: Das bedeutet: die Dialekte verschwinden?

König: Ja, die verschwinden. Die jungen Menschen springen ins Norddeutsche, und gleichzeitig bilden sich neue Umgangssprachen, die aber weit vom Dialekt entfernt sind. Ich hatte viele Studenten, denen man nicht mehr angehört hat, dass sie aus München kommen.

Das Interview führte Dr. Berndt Herrmann


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Veröffentlicht am 08.05.2016 00:05 Uhr




 

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