Augsburg    

Kleiner Klebeband, große Sensation

Augsburg – Als Anfang des Jahres 2009 ein Kunsthändler in Maastricht Christof Trepesch zuraunte, er habe demnächst „eine ganz große Sache“, sei er erst zurückhaltend gewesen, erinnert sich der Leiter der Städtischen Kunstsammlungen und Museen. Kurze Zeit später stand der „Kleine Klebeband“ zum Verkauf. „Die gesamte Museumswelt war elektrisiert“, erzählt Trepesch. „Mir war sofort klar: Diese Sammlung muss in die öffentliche Hand.“ Ihm ist es zu verdanken, dass das Kulturgut nun nach Augsburg zurückkehrt.

<p>Kleiner Klebeband, große Sensation </p>

Der kurbayerische Statthalter der Oberpfalz, der Erbtruchsess Maximilian Willibald von Waldburg-Wolfegg, war ein begeisterter Kunstsammler. Von 1650 bis zu seinem Tod 1667 trug er rund 120 000 Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte und Handzeichnungen zusammen. Der Klebeband wurde erst im 19. Jahrhundert aus Blättern älterer Bestände zusammengebunden und umfasst 120 vorwiegend altdeutsche, aber auch einige niederländische und italienische Meisterzeichnungen des frühen 15. bis 17. Jahrhunderts. Schon früh wurde der „Kleine Klebeband“ in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts aufgenommen.

Herzstück der ältesten noch erhaltenen Sammlung dieser Art sind die Skizzen von Hans Holbein dem Älteren und Mitgliedern seines Augsburger Ateliers. Eine der herausragenden Zeichnungen ist das „Bildnis eines jungen Mannes“. Das farbige Brustbild entstand um 1475 und gehört nach heutiger Kenntnis zu den frühesten selbständigen Bildniszeichnungen in der deutschen Kunst.

Beim Erwerb ging Trepesch neue Wege: Insgesamt sieben Einrichtungen haben hier zusammengewirkt. Nachdem die Stadt Augsburg aufgrund knapper Kassen abgewunken hatte, rief Trepesch beim Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin an. Unter Federführung der Kulturstiftung der Länder haben die Museen gemeinsam mit der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, der Rudolf-August Oetker Stiftung und der Stadtsparkasse Augsburg das Büchlein erworben.

Der Erwerb des Zeichnungskomplexes ist der bedeutendste Ankauf des Kupferstichkabinetts in neuerer Zeit und stärkt die international herausragende Stellung als Referenzsammlung der deutschen Zeichenkunst des 15. und 16. Jahrhunderts. Für Augsburg ist der „Kleine Klebeband“ insbesondere wegen der Zeichnungen von Hans Holbein und seiner Werkstatt von Bedeutung. Die Wissenschaftler erhoffen sich auch Erkenntnisse über die Kunstproduktion in der alten Reichstadt um 1500.

Wie wichtig das Konvolut für die Fachwelt ist, bewies bei der gestrigen Pressekonferenz nicht nur die Anwesenheit überregionaler Medien, sondern auch die Tatsache, dass acht Redner vor rund 50 geladen Gästen sprachen. „Der Erwerb ist ein großer Erfolg nicht nur für das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, sondern auch für die Idee des öffentlichen Museums in Deutschland“, sagte Heinrich Schulze Altcappenberg, Direktor des Kupferstichkabinetts. Erstmals sei für einen „so bedeutenden Schatz“ ein kooperatives Ankaufs- und Nutzungsmodell entwickelt worden, „ohne das unser Vorhaben aussichtslos geblieben wäre“.

Die Vereinbarung zwischen den beiden Museen sieht vor, dass die Zeichnungssammlung als unzertrennliches Konvolut erhalten bleibt und dauerhaft vom Berliner Kupferstichkabinett betreut und gepflegt wird. Das Werk wird gemeinsam mit den Augsburger Kunstsammlungen und Museen erforscht und ausgestellt. Einen ersten Einblick bietet – wenn auch nur kurz – die gestern eröffnete Präsentation im Grafischen Kabinett im Höhmannhaus.

 

Info: Der „Kleine Klebeband“ ist nur bis 1. Januar zu besichtigen. Gezeigt werden sechs Originalblätter des Bandes, die anderen sind digital auf einem Bildschirm zu sehen.

<p>Kleiner Klebeband, große Sensation </p>
Von Annette Liebmann


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Veröffentlicht am 25.04.2013 11:48 Uhr




 

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