Augsburg    

Die Flut, die alles mit sich riss

Augsburg – Wohl schon seit 1000 Jahren befindet sich ein Wehr dort, wo der Hochablass steht. Erstmals in den Geschichtsbüchern erwähnt wird der Ablass im Jahr 1346. Ein hölzernes Wehr wurde im Spanischen Erbfolgekrieg 1703 zerstört, 1793 brannte das Hauptschleusenwerk ab. Das nachfolgende Wehr wurde Opfer eines Jahrhunderthochwassers, wie es Augsburg noch nicht gesehen hatte. Am 16. Juni jährt sich die Katastrophe zum 100. Mal.

<p>Die Flut, die alles mit sich riss </p>

„Heute, am 16. Juni 1910, waren in den Bergen heftige Wolkenbrüche niedergegangen. Dadurch schmolzen die noch übrig gebliebenen Schneemassen und machten den an sich unscheinbaren Lech zu einem mächtigen, reißenden Strom“ , so berichtete eine damals 14jährige Schülerin in ihrem Tagebuch über die furchtbare Hochwasserkatastrophe im Juni 1910. „Ein im Lech treibender riesiger Baum hatte sich vor den Kiesdurchlässen des Hochablasses quer gestellt und staute die Wassermassen weiter an. Obwohl Pioniere, Feuerwehrleute und Hochzoller Bürger mit langen Eisenstangen versuchten, das Hindernis zu entfernen, gelang dies nicht. Im letzten Moment konnten sich die Helfer aus der Gefahrenzone entfernen. Dann hielt das stark unterspülte Hochablasswehr dem unglaublichen Wasserdruck nicht mehr stand. Mit brachialer Gewalt stürzten die Wassermassen durch die Lücke und rissen alles mit, was im Wege stand. Eine ungeheure Flutwelle ergoss sich dadurch über Hochzoll bis nach Lechhausen und setzte diese Stadtteile unter Wasser.“

Der aus Holz erbaute Hochablass war verschwunden. Auf beiden Seiten abwärts des Wehrs zerstörten die Naturgewalten weite Uferstrecken. Dabei wurden sieben kleinere Anwesen aus der Oberau (heutige Oberländer Straße) mitgerissen. Die Bewohner konnten rechtzeitig evakuiert und in Notunterkünften untergebracht werden.

Die unglaublich gewaltigen Wasserwirbel zerstörten nicht nur das Wehr und die Hochablass-Gaststätte, sondern gefährdeten auch das städtische Brunnenwerk. Der tatkräftigen Zusammenarbeit von Militär, Feuerwehr und vieler freiwilliger Helfer war es zu verdanken, dass Augsburg vor der Zerstörung des Brunnenwerks bewahrt wurde. Durch die Katastrophe verloren die an die städtischen Werkskanäle angebundenen Triebwerke, die vom Wasser des Lechs gespeist wurden, ihre Wirksamkeit. Viele kleingewerbliche Betriebe wurden stillgelegt.

Die Schäden, die das Hochwasser angerichtet hatte, gingen in die Millionen. Ein neuer Hochablass musste geschaffen werden. Die Zeit drängte, denn der Sommer ließ auch gesundheitliche Schäden befürchten, wurden doch damals die gesamten Abwässer der Stadt in die nun trockenen Kanäle eingeleitet. So musste etwa zwei Kilometer oberhalb des zerstörten Ablasswehrs ein Umgehungskanal gestochen werden, durch den die Werkskanäle wieder geflutet werden konnten.

Der neue Hochablass wurde aus Eisen und Stahlbeton erbaut und am 28. Juli 1912 erstmals in Betrieb genommen. Die architektonische Ausgestaltung des neuen Wehrs stammt vom damaligen Leiter des Stadtbauamts Otto Holzer. Die Modelle zu den Figuren „Die Spinnerin“ als Symbol für die Industrie und des „Flößers“ für die Lechflösserei schuf der Münchner Bildhauer Josef Köpf.

Nach dem Pfingsthochwasser 1999 wurden Schäden durch Unterspülung festgestellt; das Bauwerk musste saniert werden. Doch in seinen fast 100 Jahren hielt es allen Fluten stand und bewahrte die Stadt vor weiteren Katastrophen.

Von Bernhard Brachert

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Veröffentlicht am 25.04.2013 11:46 Uhr




 

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