Augsburg    

Die Fibel des Feldherrn

Augsburg - Der Feldherr marschiert auf der Stelle. Seine Stiefel stampfen auf dem lehmigen Boden. Der gelbliche Untergrund beantwortet jeden seiner schweren Schritte mit einem dumpfen Klang. "Das ist das Niveau", sagt der Mann, während er unvermindert weitertrampelt, "auf dem die Römer rumgelaufen sind".

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Der Feldherr heißt Günther Fleps und ist freilich kein römischer Tribun, der seine Legionen vor dem Augsburger Theater in die Schlacht führt. Der Archäologe ist der Herr über das Grabungsfeld an der Baugrube, die sich derzeit neben dem Dreispartenhaus auftut. Er trägt dabei keinen Helm, sondern eine graue Mütze, die an der Hälfte seiner Ohren endet. Seine Waffen sind Spitzkelle und Pinsel, nicht ein Schwert.
Damit bearbeiten er und seine elfköpfige Archäologen-Armee seit rund drei Monaten jenen Platz, an dem einmal der neue Orchesterprobensaal stehen soll. Mehr als 4000 Tonnen Erdreich wurden bislang ausgehoben. Die Stelle, an der sich laut Fleps die Römer bewegten, liegt etwa zweieinhalb Meter unter Bürgersteig-Level. Die Schicht dunklen Lehms ist bislang die Überraschung unter den Funden.
Sie zeugt davon, dass hier ein römischer Wehrgraben verlief. "Obwohl wir uns außerhalb der Römerstadt befinden", bemerkt Fleps, "rechnen wir auch hier mit Relikten aus dieser Epoche, denn eine der wichtigsten römischen Ausfallstraßen verläuft nur knapp nördlich an der Grabungsstelle vorbei". Erkenntnisse früherer Ausgrabungen im Bereich der Frölichstraße belegen "ein ausgedehntes Gräberfeld, Gräben der Wasserleitung und sonstige Siedlungstätigkeiten entlang dieser Straße", präzisiert er.
"Hier lebten Veteranen", vermutet Fleps, "die auf ihren Gutshöfen Ackerbau betrieben, um die Stadt, in der rund 10 000 Menschen lebten, mit Nahrungsmitteln zu versorgen". Dass der Boden auf der Hochterrasse fruchtbar war, nutzten bereits Siedler in der Bronzezeit. Nahe dem Eingang zum Großen Haus entdeckten Fleps und seine Kollegen entsprechende Grabungsschichten.
"Nachdem die Römer weg waren, passierte ungefähr 1000 Jahre nichts", schildert Fleps. Denn die nächsten Funde am Theater stammen aus dem Mittelalter. Fragmente der Stadtmauer, bestehend aus zweischaligen Ziegelmauern, aufgefüllt mit Kies und Mörtel. Reste eines achteckigen Turms. Und eine Bastion. Aber auch Gebäude wurden errichtet: Das ehemalige Leihamt und ein Haus, dessen zweigeschossiger Keller wohl bis zu fünf Meter tief in die Erde reichte, sowie ein länglicher Wein- und späterer Kornstadel.
Die Häuser tun sich regelrecht vor einem auf, als Fleps mit seinem Finger über alte Stadtansichten fährt. Die Fundamente aus Ziegel und Tuffstein, die nun ans Tageslicht kommen, sind das, was von einem mittelalterlichen Quartier über geblieben ist. Das und einige Namen seiner Bewohner - "es gibt entsprechende Register", sagt Fleps.
Stille Zeitzeugen, die unter dem Vorplatz eines Gebäudes ruhen, das selbst eine wechselvolle Geschichte in seinen Mauern trägt. Und das nicht nur symbolisch. Kleine Mosaike decken die Fenster des Großen Hauses ab. Recycling von Natursteinmaterial, das im Dritten Reich in Treppen und Wände verbaut worden ist, erläutert Norbert Reinfuß. Er leitet für das Hochbauamt die Theatersanierung.
Aber nicht alles, was vom ursprünglichen Theater von 1877 übrig geblieben ist, das in der NS-Zeit endgültig zum Prachtbau wurde, erhielt nach der Bombennacht seinen Platz am Dreispartenhaus in seiner jetzigen Form. Nicht nur, dass vieles stark beschädigt war. "Man wollte sich bewusst von Elementen der Nazi- und Biedermeierzeit verabschieden", betont Reinfuß.
Belege dafür blickten den Archäologen direkt in die Augen: zwei mächtige Kalksteinköpfe, die einst die ursprüngliche Fassade zierten. "Anscheinend", schlussfolgert Reinfuß, "hat man die Dinge einfach verbuddelt". Eines der steinernen Häupter ruht noch immer nur wenige Meter vom Bürgersteig entfernt im Erdreich und blickt gen Himmel. Es sei schlicht viel zu schwer, um es ohne maschinelle Hilfe zu bewegen, erörtert Fleps.
Von David Libossek
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Veröffentlicht am 20.11.2018 03:33 Uhr




 

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