Aichach    

Psychisch Kranke allein gelassen

Aichach - "Wir sind enttäuscht, sauer, stinksauer", schüttete Fritz Schwarzbaecker sein Herz aus. Er ist Vorsitzender des Vereins "Kennen und Verstehen". Zusammen mit dem Landkreis kämpft er seit über 20 Jahren für die Einrichtung einer psychiatrischen Institutsambulanz im Landkreis Aichach-Friedberg. Vergeblich. Verein und Landkreis luden daher am Mittwochabend zu einer Informationsveranstaltung in das Kreisgut in Aichach ein. Mit dem scheidenden Bezirkstagspräsidenten Jürgen Reichert und Dr. Landrat Klaus Metzger gab es prominente Unterstützer. An die 70 Besucher kamen zu dem Diskussionsabend. Allein das zeigt, wie sehr die Situation den Menschen unter den Nägeln brennt.

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Niemand weiß genau, wie viele Menschen im Landkreis Aichach-Friedberg psychisch krank sind. Denn: "Sie geben sich nicht gerne zu erkennen." Nach Einschätzung von Dr. Anne Hiedl, Nervenärztin und stellvertretende Direktorin am Bezirkskrankenhaus (BKH) Augsburg, wird jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens einmal psychisch krank. Wie dramatisch die Situation ist, zeigt das Beispiel eines Mannes: Sein 16-jähriges Enkelkind hätte sich beinahe das Leben genommen, "weil wir ewig keinen Termin beim Facharzt bekamen". Der Suizid hätte gerade noch in letzter Minute verhindert werden können. Nach diesen Schilderungen verstand jeder, warum Schwarzbaecker "stinksauer" ist. "Nicht auf die Politik", sagte er ausdrücklich, sondern auf die Vertreter der Krankenkassen und niedergelassenen Ärzte. Eine Kommission daraus entscheide über Wohl und Wehe. Der Vorsitzende und seine Stellvertreterin Eleonore Broitzmann nennen sie "mysteriös und ominös". Niemand wisse genau, wer dahintersteckt, niemand kenne die Gründe für die Verhinderung der Zulassung einer psychiatrischen Institutsambulanz im Landkreis Aichach-Friedberg. "Wir haben noch nie ein Gremium kennen gelernt, das man nicht kennenlernen kann. Man erfährt nichts", schimpfte Schwarzbaecker. Man lasse die Patienten im Regen stehen. "Dagegen ist Nordkorea ein offenes System", postulierte er und bekam Beifall von den verständnisvollen Zuhörern. Jeder solle seine Krankenkasse anschreiben und fragen, wie sie zur Institutsambulanz steht, forderte er die Besucher auf. "Schlechte Presse mögen sie nicht."
Landrat Klaus Metzger findet es gut, dass Schwarzbaecker der Kassenärztlichen Vereinigung sprichwörtlich "in den Hintern tritt". In einer Gesellschaft, die Öffentlichkeit predige, fehle es an jeglicher Transparenz. Man dürfe die Arroganz, die hier an den Tag gelegt werde, nicht zulassen. "Wir reden von Menschen, die Hilfe brauchen", bekräftigte der Landrat. Er habe auch einen Verdacht, einen bösen Verdacht sogar, warum die Institutsambulanz verhindert werden soll. "Es geht nur um wirtschaftliche Interessen. Das halte ich für untragbar", kritisierte Metzger und bekam stürmischen Applaus. Es wäre an der Zeit, dass sich auch die große Politik diesen Schuh anziehe. Die Voraussetzungen für die Ambulanz seien erfüllt. Es gibt Bedarf, und im alten Krankenhaus in Aichach entstehen geeignete Räume. "Es ist alles da, nur lässt man uns nicht", betonte Metzger. "Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht gefallen an uns selber finden", zitierte er aus dem Römerbrief. "Genau das ist es aber, sie gefallen sich selbst und kümmern sich nicht um die Schwachen", ärgerte sich der Landrat.
Für Jürgen Reichert war es sein letzter offizieller Auftritt als Bezirkstagspräsident. Er ließ keine Zweifel aufkommen, dass er auf der Seite seiner Vorredner steht. "Ich unterstütze Ihre Anliegen im vollsten Umfang", versicherte er. Reichert wies daraufhin, dass die Betroffenen nicht nur unter ihrer Krankheit leiden, sondern auch unter der Stigmatisierung. Niemand würde gerne sagen, er sei psychisch krank. Reichert glaubt, die Ärzte seien gegen eine Institutsambulanz, "weil sie befürchten, dass ihnen die Patienten weglaufen". Das wiederum mochte im Saal kaum einer glauben. Immerhin gibt es bei einigen Praxen schon einen Aufnahmestopp für Neu-Patienten, bei anderen ist erst nach mindestens drei Monaten Wartezeit ein Termin zu bekommen.
Reichert verlangte eine Gesetzesänderung, "damit die Bezirke wieder Planungshoheit bekommen". Er riet Landrat und Verein, der Bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml einen Brief zu schreiben, und die Lage zu schildern. "Und wenn alle Stricke reißen, müssen wir wieder über die Tagesklinik reden", hob der scheidende Bezirkstagspräsident hervor.

Von Alfred Haas
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Veröffentlicht am 08.11.2018 23:00 Uhr




 

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