Aichach    

Bauen ohne Donut-Effekt

Aichach - Im Wittelsbacher Land wird viel gebaut. Sehr viel sogar. Allein: Es reicht nicht. Vor allem günstiger Wohnraum fehlt, dazu kommt ein vielfach monierter Mangel an Bauplätzen für Einheimische. Die starke Nachfrage und eine ohnehin überhitzte Baukonjunktur sorgen derweil für explodierende Preise. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Was tun? Im Gespräch mit der AICHACHER ZEITUNG appellierte Kreisbaumeister Andres Richter an die Kommunen, vorhandene Potentiale in den Innenbereichen zu nutzen und geförderten Geschosswohnungsbau zu unterstützen. In die Pflicht nimmt Richter dabei aber auch den Staat, der über steuerliche Anreize die Verkaufsbereitschaft bei Grundstücksbesitzern anregen und den Handlungsspielraum für die Genehmigungsbehörden erhöhen sollte.

Die Zahlen Richters sprechen eine deutliche Sprache. Demnach liegt die durchschnittliche Kaltmiete im Wittelsbacher Land inzwischen - im Durchschnitt wohlgemerkt - bei gut neun Euro pro Quadratmeter. Damit sei man zwar noch ein gutes Stück von München entfernt, wo im Schnitt 17 Euro fällig sind, habe aber fast schon das Augsburger Niveau erreicht, das bei ungefähr zehn Euro liegt. Beträge, die dem wachsenden Siedlungsdruck geschuldet sind, aber auch dem Immobilien-Run insgesamt. Entsprechendes gilt für Bauland. Der Kreisbaumeister ist Vorsitzender des sogenannten Gutachterausschusses, der die Entwicklung der Immobilien- und Grundstückspreise beobachtet und im Zwei-Jahres-Turnus Bodenrichtwerte ermittelt. 2016 wurden in Aichach-Friedberg 424 Millionen Euro umgesetzt. Das entsprach einer Steigerung im Vergleich zu 2014 um nahezu 40 Prozent. Dies, obwohl die Zahl der Kaufverträge insgesamt nur leicht zugenommen hatte und weniger unbebaute Grundstücke zur Verfügung standen. Ein klassischer Fall für "Der Preis ist heiß" also. Und er wurde noch heißer. Wie Richter ankündigte, werden die Richtwerte weiter angehoben werden müssen. Mit Bedacht zwar, da man den Markt nicht unnötig schüren wolle, es habe sich bei der Preisentwicklung aber "deutlich was getan". Die Menschen seien bereit, sehr viel Geld für ein Grundstück auszugeben. "Und das muss dann erst noch bebaut werden", wundert sich der Kreisbaumeister selbst. Ein Ende der Spirale sei dennoch nicht in Sicht.
Einige Experten raten inzwischen, über eine deutliche Erhöhung des Angebots die Preise irgendwann zum Sinken zu zwingen. Bauen, bauen, bauen also. Andres Richter sieht diese "Behandlungsmethode" differenziert. Bauen ja, aber richtig, formuliert der 40-jährige Obergriesbacher seine Devise. Was man insbesondere brauche, seien mehr kleinere Wohnungen und vor allen Dingen "geförderter Wohnraum".
Im Auge hat er unter anderem alte Hofstellen. Werden Ställe und Hallen nicht mehr genutzt, ließe sich dort geförderter Wohnraum schaffen, ohne die Identität des Dorfes aufzugeben und die gewachsene städtebauliche Struktur zu verändern. Stets neue Bauflächen an den Ortsrändern auszuweisen, hält Andres Richter jedenfalls für keine gute Lösung. Experten sprechen in solchen Fällen vom sogenannten Donut-Effekt. Die runden Schmalzgebäckstücke haben in der Regel ein Loch in der Mitte, will heißen: Dörfer, die nach außen wachsen, veröden im Kern, sterben quasi aus.

Von Robert Edler


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Veröffentlicht am 02.09.2018 23:00 Uhr




 

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