Aichach    

So ein Mist

Aichach/Dachau - Früher musste ein Tierarzt nur einmal diagnostizieren, bevor er einer Kuh Antibiotika verabreichte. Nach dem ersten Befund durften Landwirte dann selbstständig behandeln, zum Beispiel wenn eine weitere Kuh ähnliche Krankheitssymptome aufwies. Die überarbeitete "tierärztliche Hausapotheken-Verordnung" - eine Richtlinie der EU - schiebt dem nun einen Riegel vor. Seit 1. März dieses Jahres gilt sie. Seither muss jedes Tier ärztlich untersucht werden, bevor man ihm Medikamente verabreicht. Und das ist teuer. Bezahlen muss der Bauer. Der fühlt sich betrogen, und seinen Frust bekommen die Tierärzte zu spüren.


Einer aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge zweifeln etwa 49 Prozent der Humanmediziner an der Wirksamkeit von Antibiotika. Verabreicht werden sie trotzdem, weil viele Patienten es offenbar erwarten.
Ähnlich ist die Lage in der Landwirtschaft. Dr. Markus Bentele ist Tierarzt in Aindling und resümiert: "Wir werfen seit 60 Jahren mit Antibiotikum um uns." Auch in der Landwirtschaft sei das nicht neu. Allerdings will die Europäische Union diesen Zustand nicht mehr länger tragen - zumindest in der Landwirtschaft. Die neue EU-Richtlinie, die "tierärztliche Hausapothekenverordnung", erachtet Bentele für sinnvoll. Den Ärger vieler Landwirte kann er jedoch ebenfalls nachvollziehen.
Jahrzehntelang durften Landwirte ihre Tiere selbst behandeln, häufig auch mit Antibiotika. Dass sie diese Wirkstoffe künftig nur noch auf ärztliche Anordnung verabreichen dürfen, verstehen viele von ihnen nicht. Doch für jedes Tier einen Arzt zu konsultieren, kostet Geld. Das sorgt für Unmut, sowohl unter den Landwirten als auch bei den Tierärzten. Erstere bezeichnen die Richtlinie als "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme", andere kritisieren die Ausgabenmentalität "des Staates", der zwar Asylbewerber und Arbeitslose sozial und finanziell absichere, die Bauern aber, vermeintlich hemmungslos, zahlen lasse.
Tierärzte wie Dr. Markus Bentele stehen im verbalen Kreuzfeuer erzürnter Landwirte. "Es macht zur Zeit richtig Spaß zu arbeiten", konstatiert er sarkastisch. Er begrüßt die Richtlinie zwar, kritisiert ihre Umsetzung aber vehement. Die Auslegung der Gesetze und Verordnungen ist nämlich die Sache der Amtstierärzte. So hat jeder staatliche Veterinär eine eigene Sicht auf Gesetzmäßigkeiten, und kann sich aussuchen, worauf er im Zuge seiner Kontrollen Wert legt. Viele Landwirte befürchten Willkür.
Das bestätigt auch Reinhard Herb, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands im Landkreis Aichach-Friedberg. Viele sprechen laut Herb von "übertriebenem Kontrollwahn". Auch er selbst spricht von immer strengeren Regelungen.
"Man bemerkt, dass die Regelungen verschärft werden", bestätigt Dr. Herbert Pfaffenrath, Sachgebietsleiter Veterinärwesen im Landratsamt Aichach-Friedberg. Von der angesprochenen Willkür distanziert er sich aber deutlich. "Uns wäre es auch lieber, wenn wir einen Ausführungshinweis für jede neue Verordnung bekämen", erklärte er auf Nachfrage unserer Zeitung.
Die Auflagen sind meist mit Kosten verbunden. "Große Betriebe stemmen die Ausgaben leichter als kleine", betont Bentele. Bedenkt man dann, dass viele Landwirte - unter anderem im Milchviehbereich - ohnehin "ganzjährig schuften, um am Ende jedes Monats doch wieder rote Zahlen zu schreiben", wie der Tierarzt meint, verzweifeln die Bauern. "Und am Ende kommt dann jemand, der ihnen sagt, dass sie alles verkehrt machen", umreißt der Tierarzt den Konflikt. Bentele vermisst den Dialog.


Von Bastian Brummer


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Veröffentlicht am 14.06.2018 09:07 Uhr




 

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