Aichach    

Bitteres Unrecht: Frauen in der JVA in der Nazizeit

Aichach - Von Aichach war der Weg einst nicht weit nach Auschwitz. Denn hier befand sich in der Nazizeit eines der größten Frauengefängnisse des Reichs. Frauen, die nicht nur das Ideal der Volksgenossin verfehlten, sondern dem Regime feindlich gegenüberstanden oder einfach der falschen "Rasse" angehörten, konnten sehr schnell in dem Konzentrationslager landen, von wo es für die meisten von ihnen keinen Weg mehr zurück gab. Das verdeutlichte der Historiker Franz Josef Merkl im Kreisgut vor etwa 150 Zuhörern. Das Frauenforum hatte dazu eingeladen, sich über diesen noch wenig beachteten Aspekt des Nazi-Unrechts zu informieren (wir berichteten).

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In ganz Deutschland gab es damals laut Merkl gut zehn solche Frauengefängnisse. Im 1909 gebauten Aichacher Zuchthaus waren bevorzugt Frauen eingesperrt, die in sogenannte Sicherheitsverwahrung mussten, sich also "Gewohnheitsverbrechen" - Hausierens, wiederholten Diebstahls oder auch der Prostitution - schuldig gemacht hatten. Hinzu kamen ab 1933 politische Delikte: Widerstand, Hochverrat (Aktionen gegen das Naziregime), Wehrkraftzersetzung, Schwarzhandel, Hören von Feindsendern, verbotener Kontakt zu Kriegsgefangenen und in besetzten Ländern auch Waffenbesitz.
Das Gefängnis wuchs ab 1936 beträchtlich von 550 auf fast 2000 Haftplätze. Zudem wurden zuletzt Einzelzellen mit bis zu fünf Frauen belegt, die dann auf dem Boden schlafen mussten. Wenn die weiblichen Häftlinge nicht ermordet oder wenigstens zwangssterilisiert wurden, dann mussten sie Arbeitsdienste leisten, oft in der Rüstungsindustrie. Merkl ging in seinem Vortrag auf die Biografien von 43 in Aichach inhaftierten Frauen ein. Im Münchner Staatsarchiv gebe es 12 500 Häftlingsakten aus der Zeit - das seien schätzungsweise zwei Drittel aller in der Nazizeit in Aichach einsitzenden Frauen. Sie alle zu sichten, sei eine Aufgabe für einen Habilitanten, merkte er an.
Merkl sagte auf eine Frage aus dem Publikum, die Aichacher hätten den Inhaftierten nicht negativ gegenübergestanden. Als kostenlose Arbeitskräfte waren sie auch bei ihnen begehrt. Disziplin wurde rigoros durchgesetzt: Die Frauen durften außerhalb ihrer Zellen nicht sprechen, beim geringsten Ungehorsam drohten harte Strafen, etwa Tage langer Nahrungsentzug. Die Ernährung war ansonsten vergleichsweise gut - die Frauen hätten gehungert, aber seien nicht verhungert.
Der Begriff "Zuchthaus" sei in der Bundesrepublik bis zur großen Strafrechtsreform Ende der 1960er Jahre beibehalten worden, sagte Merkl auf eine weitere Frage. Einem Besucher, der meinte, Häftlinge, die damals als "asozial" galten, würden auch in der heutigen Gesellschaft nicht menschlicher behandelt, widersprach er jedoch: Allen Hilfsbedürftigen werde geholfen. Eingangs hatte er betont, die gegenwärtige Justizvollzugsanstalt habe mit dem Frauengefängnis der Jahre 1933 bis 45 nichts mehr gemein.
Landrat Klaus Metzger und Bürgermeister Klaus Habermann mahnten, das geschehene Unrecht niemals zu vergessen. Auch Altlandrat Christian Knauer und Altbürgermeister Heinrich Hutzler waren unter den Gästen. Jacoba Zapf, Sprecherin des Frauenforums, sagte: "Wir müssen für diese Frauen Empathie aufbringen und das Ausmaß ihrer Leiden anerkennen. Wir müssen begreifen: Wie konnte es dazu kommen?" Die Cellistin Hyan-Jung Berger gab der Veranstaltung einen würdigen musikalischen Rahmen.

Von Andreas Alt


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Veröffentlicht am 05.08.2018 23:00 Uhr




 

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