Aichach    

270 000 Euro im Spind am Arbeitsplatz aufbewahrt

Aichach - Für den Angeklagten, einen 49-Jährigen aus dem nördlichen Landkreis, ging es nicht nur um eine Freiheitsstrafe, sondern auch um viel Geld: 270 000 Euro, angeblich sein ganzes Erspartes, wollte die Staatsanwaltschaft einziehen. Denn für die Anklagebehörde steht fest: Das Geld stammt aus dem Handel mit Pornobildern, die teilweise auch Kinder und Jugendliche zeigen. Amtsgerichtsdirektor Walter Hell als Vorsitzender des Schöffengerichts sah das jedoch nicht als erwiesen an.


Vieles in dem Verfahren gab Anlass zu rätseln. Warum lässt jemand, der inkriminierte Bilder von Kindern übers Internet verkauft, diese in einem Drogeriemarkt über dessen Labor entwickeln? Wieso kaufen Leute Fotos von nackten erwachsenen Frauen, wenn es diese doch, wie Richter Hell meinte, milliardenfach im Internet gratis gibt? Doch so sehr man sich auch wundern mag: Es gibt wohl einen entsprechenden Markt, bestätigte ein Kriminalbeamter.
Dass er die Bilder, die Erwachsene, aber teilweise auch Kinder und Jugendliche in eindeutigen Posen zeigten, nicht im eigenen Keller ausdruckte und die Abzüge verkaufte, sondern dafür ein Labor beauftragte, wurde dem 49-jährigen Bankkaufmann schließlich zum Verhängnis. Denn im Juni 2016 fiel dort eine Bestellung für über 1000 Abzüge auf, und so kam man ihm letztlich auf die Spur. Die Anklagebank teilte er sich gestern mit einem 75-jährigen Rentner.
Der Hauptangeklagte und seine Verlobte leben in einem Dorf im nördlichen Landkreis. In einem Swingerclub in München lernte das Paar im Frühjahr 2015 den Rentner kennen. Dessen Frau war vor nicht allzu langer Zeit nach langem Leiden gestorben. Er hatte wegen ihr das Domizil in Gran Canaria, wo das Paar seit Beginn seines Ruhestands mit 50 Jahren wohnte, verlassen. Die ärztliche Versorgung war zu teuer geworden.
Der Senior verguckte sich in die 38 Jahre alte Lebensgefährtin des Bankkaufmanns. Schließlich entwickelte sich so etwas wie eine Ménage-à-trois: Das Paar lebte mehr oder weniger bei dem Rentner in dessen Wohnung in München. Und über dessen Internetanschluss tätigte der 49-Jährige den Handel mit den schmutzigen Fotos. Das brachte den Rentner am Ende wegen Beihilfe vor Gericht.
Als im August 2016 die Polizei Wohnung und Arbeitsplatz durchsuchen ließ, sickerte im Geldinstitut, in dem der 49-Jährige angestellt war, der Grund für die Ermittlungen durch. Er wurde, wie er unter Schluchzen berichtete, fristlos entlassen und ist seitdem arbeitslos. Er lebt von dem, was seine Freundin verdient. Die Beamten fanden in seinem Büro jedoch keine Pornofotos, sondern 270 000 Euro in bar - in einem Spind.
Jahrelang, so berichtete der Angeklagte, hätten er und seine Gefährtin sehr sparsam gelebt. Keinen Urlaub, keine besondere Kleidung, nur das Nötigste habe man sich gegönnt. Einziger Luxus: Alle zwei Jahre wurde ein neuer Jahreswagen von BMW angeschafft. Sein Geld, erklärte der Bankkaufmann, habe er zunächst auf einem Sparkonto gehortet. Jeden Monat wurde das Guthaben per "Abraum-Sparen" mehr: Was noch auf dem Girokonto lag, wurde automatisch ans Sparkonto geschickt.
Dann aber, so der Angeklagte, der während der rund drei Stunden der Verhandlung mit hochgezogenen Schultern, häufig schluchzend, einen sehr verhuschten Eindruck machte, seien die Zinsen gesunken und es habe sogar geheißen, ab 50 000 Euro Spareinlage würden "Strafzinsen" fällig. Deshalb habe er sich entschlossen, das Geld abzuheben und bar aufzubewahren. "Im Verwaltungsgebäude der Bank schien es uns sicherer als zu Hause. Wer würde da schon einbrechen? Da gibt es nur ein paar PCs", sagte er. Immer, wenn sich auf dem Sparbuch eine gewisse Summe angesammelt hatte, habe er diese wieder abgehoben und in den Spind gelegt. 140 000 Euro habe zudem schon am Anfang seine Lebensgefährtin von ihrem eigenen Ersparten eingebracht. Von dem Geld habe man alle Ausgaben außerhalb der Fixkosten wie etwa für Versicherungen beglichen: "Benzin, Kosmetik, Kleidung." Sollte etwas eingekauft werden, brachte er das Geld von der Arbeit mit heim.
Zu Beginn der Verhandlung vereinbarten die Verteidiger, Rechtsanwältin Petra Dittmer und ihr Kollege Werner Ruisinger, mit dem Gericht und Staatsanwalt Benjamin Rüdiger, dass, sollten die Angeklagten vollumfänglich gestehen, die Strafen einen gewissen Rahmen nicht überschreiten würden. So blieb am Schluss nur noch der Streitpunkt, was mit den 270 000 Euro geschehen sollte. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich überzeugt, dass das Geld aus illegalen Quellen stammt, selbst wenn diese nicht angeklagt waren. Denn es gebe keine Belege, die die Herkunft schlüssig darlegen würden, sagte Benjamin Rüdiger.
Richter Walter Hell war anderer Meinung: "Man kann nicht einfach Zufallsfunde einkassieren, es braucht schon eine Straftat, die damit in Zusammenhang steht." Lediglich 8000 Euro waren auf den Konten mit dem Verwendungszweck "Pornofotos" gefunden worden; dieses Geld wurde für verfallen erklärt. "Wie der Angeklagte hier auftritt, nehme ich ihm ab, dass er so gestrickt ist, dass er jeden Heller zweimal umdreht, und so ist es denkbar, dass er zusammen mit seiner Lebensgefährtin 270 000 Euro zusammengespart hat - zumal wir dafür keinen bestimmten Zeitraum unterstellen können." Er verurteilte den Bankkaufmann wegen Erwerbs, Besitzes und Handels mit teils kinder- und jugendpornografischen Darstellungen zu zwei Jahren Haft, ausgesetzt zur Bewährung. Zudem muss er 20 000 Euro an vier verschiedene gemeinnützige Einrichtungen zahlen. Der bislang ebenfalls unbescholtene Rentner kam mit einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe und 2000 Euro Geldauflage davon. Er und das Paar verstehen sich noch immer ausgezeichnet. Anklage wegen Handels mit Kinderpornografie

Von Monika Grunert Glas


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Veröffentlicht am 06.11.2017 23:00 Uhr




 

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