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Das Kriegsschicksal einer Familie

Gebenhofen - Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag und gehört zu den sogenannten stillen Tagen. Er wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag begangen und erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen. Leider sei dieses Thema immer noch sehr aktuell, wie sich in vielen Regionen der Welt zeige, betont der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Vorfeld der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag am Sonntag, 19. November, im Bundestag. Georg Engelhard aus Anwalting hat aus Anlass des Volkstrauertages die Geschichte einer Familie aus Gebenhofen aufgeschrieben. Vater und Sohn Mannhard mussten in den Krieg ziehen.

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Vater Josef Mannhard wurde am 24. Juli 1881 auf dem Bischuster-Anwesen am heutigen Schmiedbergweg in Gebenhofen geboren, wo er mit einigen Geschwistern aufwuchs. Er übernahm das elterliche Anwesen und heiratete vor dem Ersten Weltkrieg Maria Schmid aus Bergen. Das erste Kind, ein Sohn, der nach dem Großvater und dem Vater ebenfalls Josef hieß, wurde am 7. Juli 1914 geboren.
Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien begann am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg, an dem ab dem 1. August 1914 auch Deutschland beteiligt war. Am 1. Juni 1915 wurde Josef Mannhard zum 12. bayerischen Reserve-Infanterieregiment eingezogen. Seine Frau, die gerade mit dem zweiten Kind schwanger war, und seinen kleinen Sohn musste er zurücklassen. Als am 13. November 1915 die Tochter Franziska das Licht der Welt erblickte, stand Josef Mannhard bereits an der Front. Seine Militärunterlagen verzeichnen Einsätze in der Herbstschlacht von La Bassee und Arras, bei Stellungskämpfen im Artois und in der Schlacht an der Somme. Letztere war mit über einer Million toten, verwundeten und vermissten Soldaten die verlustreichste Schlacht an der Westfront.
Im Oktober 1916 war Josef Mannhard zu Hause in Gebenhofen zu einem Ernteurlaub. Es war die erste Gelegenheit, die elf Monate zuvor geborene Tochter Franziska zu sehen. Am 28. Oktober 1916 ging es wieder an die Front. Es waren immense Belastungen für die Familie. Er musste seine Frau mit zwei kleinen Kindern zurücklassen, die Ehefrau musste ihren Mann mit dem Bewusstsein ziehen lassen, dass seine Rückkehr fraglich ist.
Zurück bei seiner Einheit musste der Familienvater wieder an der Schlacht an der Somme teilnehmen. Ab dem 6. April 1917 war er in der Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne eingesetzt. Der 16. und 17. April 1917 sind in seiner Militärakte als Großkampftage bezeichnet. Dann folgt der Eintrag: "In der Schlacht an der Aisne am 17.04.1917 vermisst." Josef Mannhard war in französische Gefangenschaft geraten, aus der er erst am 6. Februar 1920 in die Heimat zurückkehrte. Die Familie war seit dem letzten Zusammentreffen im Oktober 1916 nach dreieinviertel Jahren wieder vereint. Zu den beiden Kindern kamen 1920 und 1922 noch zwei Töchter dazu. Seine Kriegserlebnisse hatten Josef Mannhard geprägt. Er war zu einem überzeugten Kriegsgegner geworden. Aber 16 Jahre nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft musste er erleben, wie sein Sohn von der Wehrmacht eingezogen wurde.
Sohn Josef Mannhard musste von 1936 bis 1938 seinen Wehrdienst beim Artillerieregiment 63 in Landsberg/Lech ableisten. Als die Wehrmacht im März 1938 in Österreich einmarschierte, war er im Einsatz. Auch in den Tagen vom 1. bis 10. Oktober 1938, als das Sudetenland nach dem Münchner Abkommen besetzt wurde, war Mannhard als Wehrmachtssoldat dabei. Im Zweiten Weltkrieg war er vom ersten Kriegstag an eingesetzt.
1944 war der Kriegsausgang absehbar. Die sinnlosen Kämpfe und die Abermillionen Toten veranlassten Josef Mannhard, sich zur Panzertruppe zu melden. Das geschah in der Hoffnung, dass er zur Ausbildung von der Front abgezogen würde und ihm weitere Einsätze erspart blieben. Zur selben Zeit heiratete er in einem Heimaturlaub Kreszenz Steinherr aus dem Strohbauern-Anwesen in Gebenhofen. Die junge Frau blieb aber auf dem elterlichen Hof, denn ihr frisch angetrauter Mann musste wieder an die Front.
Tatsächlich erhielt Josef Mannhard seine Versetzung zur Panzertruppe, die aber nicht mehr durchgeführt wurde. Nach der Rückkehr an die Front kamen nur noch wenige Briefe von ihm nach Hause. Der letzte trägt das Datum vom 17. Juli 1944. Josef Mannhard galt seitdem im Narew-Brückenkopf an der Ostfront als vermisst.
Zu Hause warteten seine Familie und seine junge Frau jahrelang auf die Rückkehr. So war Kreszenz Mannhard auch an einem Heimkehrerzug in Augsburg dabei, in der Hoffnung, dass ihr Mann dabei wäre, oder sie etwas über sein Schicksal erfahren könnte. Vergeblich. Der Vater starb im Mai 1948 und die Mutter am 24. März 1949. Kurz zuvor wurde der Hof übergeben. Hoferbe wäre der vermisste Sohn gewesen. Nun übernahm seine Schwester Walburga das Anwesen, die wenig später Johann Rappolder heiratete. Die Übergabe geschah allerdings unter der Auflage, dass der Hof an den Bruder abzugeben ist, sollte er innerhalb von drei Jahren nach Hause zurückkehren. Dazu kam es aber nicht, denn Josef Mannhard blieb vermisst. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt.
Kreszenz Mannhard heiratete nicht wieder. Sie blieb auf dem Steinherr-Anwesen und lebte bis zu ihrem Tod am 19. November 1983 im Austragshaus am Schmiedberg in Gebenhofen.

Von Georg Engelhard


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Veröffentlicht am 17.11.2017 23:00 Uhr




 

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